Ambidextrie-Studie 2018 (1): Agilität mau, Effizienz ebenso
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Ambidextrie-Studie 2018 (1): Agilität mau, Effizienz ebenso

Effizienz und Agilität werden häufig als gegensätzliche Pole im digitalen Wandel diskutiert. Mit zunehmender Komplexität aber löst sich dieser Widerspruch auf. Mehr Agilität ist erforderlich, um eine hohe Effizienz zu gewährleisten. Eine Einladung, tradierte Denkmuster zu hinterfragen.

Hintergrund

Dr. Andreas Stiehler diskutiert in dieser Beitragsreihe exklusiv für Digitales Wirtschaftswunder ausgewählte Kernergebnisse der aktuellen Hays-Studie „Zwischen Effizienz und Agilität – Unternehmen im Spannungsfeld des digitalen Wandels“ – ein gemeinsames Projekt der Hays AG und PAC. Die untersuchten Spannungen resultieren aus der Herausforderung, sowohl neue Themen im Unternehmen voranzubringen („explore“) als auch das Kerngeschäft weiterzuentwickeln („exploit“). In Fachkreisen spricht man in diesem Zusammenhang auch von Ambidextrie (Beidhändigkeit). Mehr als 220 Führungskräfte aus mittleren und großen Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden zu diesem Thema telefonisch befragt.

Im Fokus heute: Die vermeintliche Polarität von Effizienz und Agilität

Effizienzdruck versus Agilität: Unternehmen im Dilemma

Das Thema „Effizienz“ erregt in der oft polarisierten Diskussion zum digitalen Wandel die Gemüter. Wer als Unternehmen nur einseitig auf die Effizienz achtet, so meinen die einen, der kann bei der Innovationsfähigkeit nicht punkten. Stattdessen sollten wir wesentlich agiler werden. Dagegen aber meinen die Agilitäts-Skeptiker, dass sich die Effizienz als maßgebliches Kriterium im Wettbewerb nicht einfach ignorieren lasse. Theoretisch lassen sich beide Positionen rechtfertigen, in der Praxis jedoch scheinen sie unvereinbar zu sein.

Das Dilemma, in dem sich heute viele Unternehmen gefangen sehen, diskutierte ich bereits vor einiger Zeit für Digitales Wirtschaftswunder in dem Beitrag „Digitalisierungs-Blues: Gefangen zwischen Effizienzdruck und Agilitätshype“. Ich argumentierte hier, dass die (wenigen) erfolgreichen und hoch innovativen Start-ups im Silicon Valley, die heute oft als Vorreiter der agilen Welt angeführt werden, letztlich das Ergebnis eines hoch effizienten Venture-Capital-Modells seien. Ein solches Modell, wie es in Christophe Keeses Bestseller „Silicon Valley“ anschaulich beschrieben wird, lässt sich von einem einzelnen Unternehmen hierzulande aber nicht einfach kopieren.

Als Essenz aus diesem Artikel könnte man nun schließen, dass die Unternehmen die neuen Themen mitsamt der Agilitätsdiskussion besser der Start-up-Welt überlassen bzw. in schicke Innovation Labs auslagern. Wenn es der Markt erfordert, kann man die innovativen Start-ups immer noch erwerben bzw. integrieren – so wie Microsoft dies seit Jahren erfolgreich praktiziert (siehe hierzu auch ein aufschlussreiches Interview mit dem Innovationsforscher Prof. Piller). Unabhängig davon aber sollten sich die hiesigen Unternehmen weiter darauf fokussieren, die Effizienz im Kerngeschäft auf hergebrachte Weise – also mittels Prozessoptimierung und -automatisierung – zu steigern. Hierin scheinen ihnen Tesla & Co. bislang nichts vorzumachen, darauf verstehen sie sich!

Deutsche Unternehmen können effizient, aber nicht innovativ? Weder noch!

Aber ist dem wirklich so, sind wir tatsächlich (noch) Effizienzweltmeister? Der Ex-Konzernvorstand, Thomas Sattelberger, gab im Rahmen einer Detecon-Studie zur Innovationskultur deutscher Konzerne zu Protokoll: „Wir können zwar effizient, aber nicht innovativ“. Ich war lange geneigt, diesem markigen Spruch aus dem Bauch heraus zuzustimmen – bis ich die Ergebnisse der aktuellen Hays-Studie vor Augen hatte.

Konkret baten wir die im Rahmen der Studie befragten Führungskräfte, die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen in der digitalen Welt auf Basis verschiedener Kriterien einzuschätzen. Die in der nachfolgenden Grafik zusammengefassten Antworten auf diese Frage zeigen zunächst wenig Überraschendes: „Qualität top, Agilität & neue Themen eher flop“ – das war zu erwarten. Sicher lässt sich darüber diskutieren, ob die Top-Bewertungen im Hinblick auf die „Ausrichtung an Kundenbedürfnisse“ gerechtfertigt sind. Aber gut: In vielen Unternehmen wurde während der letzten Jahre hart darum gerungen, stärker aus Kundenperspektive (und nicht produktzentriert) zu denken. Die Einschätzungen der Führungskräfte scheinen diese Bemühungen widerzuspiegeln.

Quelle: Hays/PAC

 

Dass aber die gleichen Führungskräfte ihre Unternehmen im Hinblick auf die Effizienz vergleichsweise schlecht bewerteten, ließ mich aufhorchen. Tatsächlich rangiert im Gesamtbild die Bewertung der Effizienz sogar noch nach der Agilität.

Effizienzweltmeister Deutschland? Von wegen! Im Hinblick auf eingangs zitierten Ausspruch von Thomas Sattelberger sollte nach Sichtung der Studie besser konstatiert werden: „Wir können heute weder innovativ noch effizient“.

In der VUCA-Welt ist Agilität notwendig, um eine hohe Effizienz zu gewährleisten!

Aber wo liegen die Gründe dafür? Klar: Die Möglichkeiten zur Prozessautomatisierung mittels digitaler Technologien – so bestätigt es auch die Mehrzahl der Führungskräfte – werden hierzulande noch nicht ausreichend ausgeschöpft. Dies mag die schlechte Bewertung der Effizienz teilweise erklären. Aber eben nur teilweise: Die großflächige Umsetzung von IoT, KI oder Blockchain steht schließlich erst am Anfang – auch auf globaler Ebene. Viele Unternehmen hierzulande laufen zwar Gefahr, den Anschluss an diese Entwicklungen zu verlieren. Dass die vermeintliche Nachreiterstellung sich aber bereits heute signifikant auf deren Wettbewerbsfähigkeit auswirkt und damit die schlechten Effizienzbewertungen erklärt, glaube ich nicht.

Eine weitere, meines Erachtens noch stichhaltigere Begründung für die Befragungsergebnisse lieferten die Vertiefungsgespräche mit Befragungsteilnehmern, in denen mir viele Führungskräfte von einer drastischen Änderung des Marktumfelds berichteten (siehe hierzu auch Links zu Kundeninterviews auf der Website zur Studie). Die Kundenbedarfe, so berichteten sie, ändern sich in immer kürzeren Zeitabständen. Planung und Budgets sind oft schon obsolet, bevor sie überhaupt festgelegt sind. Kurzum: Die viel zitierte VUCA-Welt ist kein theoretisches Bedrohungsszenario, sondern längst gelebte Realität. Der Versuch, diese immer komplexere Welt (weiter) auf herkömmliche Weise zu managen, mündet zwangsläufig in einer sinkenden Effizienz.

Eine Aussage von Guido Leber, Bereichsleiter Konzern-/Unternehmensstrategie beim Versicherungskonzern Alte Leipziger – Hallesche, im Nachgespräch zur Studie bringt dieses Argument auf den Punkt: „Agilität und Effizienz schließen sich für mich nicht aus. Vielfach wird immer noch geglaubt, dass wir allein mit Linien- und klassischer Projektorganisation den neuen Themen begegnen können. Ich bin da gegenteiliger Meinung. Die meisten Projekte, die aus der klassischen Wasserfallmethodik kommen, sind am Ende des Tages nicht effizient. Denn wenn man echtes Projekt-Controlling durchführt, was oft nicht geschieht, stellt man fest, dass viele Projekte eben nicht in Time und Budget sind. Über eine agile Methodik – so zeigen unsere Erfahrungen – kommen wir schneller ins „Doing“ und sind auch effizienter.“

Mit anderen Worten: Die viel diskutierte Polarität von Effizienz und Agilität löst sich in der VUCA-Welt auf. Agilität ist die Voraussetzung, um in dem immer komplexeren Umfeld hohe Effizienz zu gewährleisten!

Mein Credo: Beendet die Grabenkämpfe und hinterfragt die Diagnose!

Anstatt in den Unternehmen ideologische Grabenkämpfe à la „Agilität versus Effizienz“ zu führen, sollten die Verantwortlichen besser hinterfragen, an welchen Stellen der Wertschöpfung mehr Agilität dienlich ist, um eine hohe Effizienz zu gewährleisten. Sicher ist Agilität kein Allheilmittel und „Command & Control“ in vielen Bereichen immer noch sinnvoll (wie in diesem Beitrag diskutiert). Umgekehrt sollte der „Effizienzdruck“ aber auch nicht als Pauschalargument gegen den Einsatz agiler Methoden missbraucht werden. Im Gegenteil: Die meisten Unternehmen verfügen immer noch über ausgeprägte tayloristische Strukturen, die vor 20 Jahren sicher noch ihre Berechtigung hatten, in einem immer komplexeren Umfeld aber nicht mehr der Effizienz dienlich sind.

Die weiteren Ergebnisse der Studie suggerieren, dass sich viele Führungskräfte dieses Problems nicht ausreichend bewusst sind. Sie sehen zwar die Effizienzprobleme, scheuen aber davor zurück, die tradierten Mechanismen im System in Frage zu stellen. Anstatt die Diagnose zu hinterfragen, verabreichen sie weiter die alte Medizin – nur mehr davon. So steht das Management der Schnittstellen zwischen den Silos nach wie vor stärker im Fokus als Maßnahmen, die helfen könnten, diese Silos abzubauen (Flexibilisierung von Anreizsystemen, Förderung autonomer Teams, Abbau von Hierarchiestufen etc.).

Immerhin: Mehr als 90% der Führungskräfte halten es laut Studie für erforderlich, im Zuge des digitalen Wandels eigene Denkmuster zu hinterfragen. Um in dem zunehmend komplexen Umfeld zu bestehen, sollten sie besser heute als morgen damit beginnen.

Die vollständigen Resultate der Hays-Studie „Zwischen Agilität und Effizienz – Unternehmen im Spannungsfeld des digitalen Wandels“ stehen hier kostenlos zum Download bereit.

Der Autor

Dr. Andreas Stiehler ist freiberuflicher Analyst, Kolumnist und Berater. In seiner Rolle als Research Fellow bei PAC betreut er verschiedene Forschungs- und Beratungsprojekte zum digitalen Wandel.  Seine Kernthemen hierbei sind Digital Work & Digital Workplace, Kundenservice im digitalen Wandel sowie das  Management von Wissensarbeit(ern). Der promovierte Volkswirt mit Schwerpunkt auf Verhaltensökonomie setzt sich dafür ein, den digitalen Wandel ganzheitlich zu betrachten und dabei die Menschen stärker in den Fokus zu rücken.

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