Digitale Innovationen für den Lebensmittelhandel
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Digitale Innovationen für den Lebensmittelhandel

Amazon Fresh und Rewe liefern frische Lebensmittel. Der stationäre Handel experimentiert alternativ mit Abholstationen wie Emmasbox für Online-Bestellungen. Ein Beispiel für das Potenzial digitaler Innovationen, die den Mittelstand im Wettbewerb um das Online-Geschäft konkurrenzfähig machen.

Im Sommer 2017 sorgte Amazon international für Schlagzeilen: Der Online-Handelsgigant hatte die Supermarktkette Whole Foods Market für rund 14 Milliarden US-Dollar geschluckt. Mit der Übernahme des größten US-Einzelhändlers von Bio-Lebensmitteln verabschiedete sich Amazon vom reinen Online-Modell und investierte nach einigen Experimenten mit Ladenlokalen im Buchhandel nun in großem Stil in das stationäre Ladengeschäft. Die Meldung sorgte für Aufregung an den Märkten. Weltweit sackten die Aktienkurse von Lebensmittelhändlern ab, während die Papiere von Whole Foods kurz nach Börseneröffnung um nahezu 30 Prozent zulegten. Der Kurs der Amazon-Aktie stieg trotz des relativ hohen Kaufpreises für die Übernahme um rund drei Prozent. Ungewöhnlich, denn üblicherweise fällt der Kurs einer Aktie nach Bekanntgabe einer Akquisition zunächst, wie Handelsblatt-Korrespondent Thomas Jahn im Juni berichtete.

Bereits vor der Übernahme von Whole Foods lieferte Amazon mit dem Dienst Amazon Fresh frische Lebensmittel in den USA aus, hatte sich laut Angaben des Handelsblatts aber nicht im US-Lebensmittelmarkt durchsetzen können. Einige Monate nach der Akquisition, im November 2017, stellte der Dienst die Lieferung in einigen Gebieten der USA ein. Ein Zusammenhang mit dem Kauf der Bio-Supermarktkette bestehe jedoch nicht.

In Deutschland entwickelt sich der Lieferdienst jedenfalls ganz anders: International weniger aufsehenerregend als Amazons Einstieg in den stationären Lebensmittelhandel der USA, für den hiesigen Einzelhandel aber nicht minder relevant, begann Fresh bereits im Mai 2017 mit der Auslieferung frischer Lebensmittel in deutschen Städten. Das Angebot, bei dem Amazon mit dem Paket- und Brief-Express-Dienst DHL zusammenarbeitet, startete zunächst in Berlin und Potsdam, wurde dann auf Hamburg ausgeweitet und steht seit Mitte November auch Kunden in München zur Verfügung. Lange befürchtete die Branche, dass Amazon den Lebensmittellieferdienst massiv ausbauen könnte. Genau das scheint sich nun zu bestätigen.

Zehn Prozent für den Online-Handel

Rewe-Konzernchef Lionel Souque reagiert auf die Marktentwicklung mit Milliardeninvestitionen, die teils in das stationäre und teils in das Online-Geschäft fließen, wie er bereits im Oktober gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger erklärte. Ein „hoher zweistelliger Millionenbetrag“ davon entfalle auf ein modernes Online-Lebensmittellager, das zurzeit in Köln entsteht und ab Sommer 2018 Bestellungen aus 20.000 Produkten kommissionieren und für den weitgehend automatisierten Versand bereitstellen soll. Gemäß eigener Angaben liefert Rewe bereits seit 2011 online bestellte Einkäufe nach Hause und bietet diesen Service zurzeit in 75 Städten an.

Der jährliche Gesamtumsatz im deutschen Lebensmitteleinzelhandel nähert sich zunehmend der 200-Milliarden-Euro-Schwelle. Branchenexperten wie Lionel Souque schätzen, dass etwa zehn Prozent davon künftig auf das Online-Geschäft entfallen könnten. Entsprechend groß ist das Interesse bestehender und neuer Marktteilnehmer, Marktanteile in diesem Bereich zu gewinnen. Wie der Markt sich aufteilen wird und in welchem Verhältnis E-Commerce und stationärer Handel dabei zueinander stehen werden, ist noch unklar. Klar ist hingegen, dass digitale Innovationen auch Start-ups und mittelständischen Unternehmen die Gelegenheit bieten, die Zukunft des Lebensmittelhandels mitzugestalten.

Abholstation für Lebensmittel

Das Münchner Start-up „Emmasbox“ (Open Ideas) etwa illustriert die Möglichkeiten. Zwischen 2012 und 2013 entwickelte das Unternehmen den gleichnamigen Prototypen einer gekühlten Abholstation für Lebensmittel, der 2014 zur Marktreife gebracht wurde. Das Prinzip hinter Emmasbox ist einfach: Die Kunden bestellen ihre Lebensmittel online, erhalten einen Abhol-Code und können ihre Bestellung 24 Stunden offline in einer Abholstation abholen. Mit ausreichendem Platz für die Abholstationen und Kundenparkplätzen besitzt der Lebensmittelhandel schon eine passende Infrastruktur für dieses Konzept. Natürlich muss auch bei der Abholung ein gewisses Zeitfenster eingehalten werden. Das zeige sich in der Pilotphase bisher aber nicht als Problem, wie IT-Zoom berichtet: Nach bisherigem Stand sei die Abholbox eine Ergänzung zu E-Commerce und Lieferdienst, unter denen der Kunde je nach Bedürfnis wählen könne.

Das Start-up habe Emmasbox als ferngesteuerte Self-Service-Kühlschränke entwickelt, also als IoT-Geräte, die auf drei Säulen stehen: Internetanbindung, Cloud Computing und Software. Die Abholstationen seien mit einem zentralen Cloud-Server verbunden. Eine Software verbinde die Boxen mit den Onlineshops der Händler und gebe die Abhol-Codes an die Kunden aus. Zudem regele die Software bei einem Einkauf verschiedene Herausforderungen: Die optimale Befüllung jedes Fachs, die Aufteilung unterschiedlicher Kühltemperaturen der Waren in bis zu drei Boxen sowie die Vergabe der Zeitfenster für die Abholung. ITENOS, Dienstleistungspartner des Unternehmens, stelle gemäß eigener Angaben den dafür benötigten Breitbandanschluss durch ein autonomes IP-Netzwerk zur Verfügung und rüste jede Box mit eigenem Netzanschluss aus.

Geschäft mit Zukunft

Emmasbox baut auf digitalen Innovationen auf und verbindet E-Commerce und stationären Lebensmittelhandel. Die Boxen werden an Unternehmen wie die Deutsche Bahn oder Supermärkte verkauft, die einen Online-Bestellservice anbieten wollten. Im Jahr 2015 stand die erste deutsche Box im Münchner Flughafen und wurde von einer benachbarten Edeka-Filiale befüllt. Edeka ist seit 2016 Umsetzungspartner von Emmasbox.

Der Markt reagiert positiv auf die Geschäftsidee. Erst kürzlich gab es für das Startup frische Investitionen in Millionenhöhe, wie Gründerszene online berichtete. Nun zählt auch ein Venture-Arm der Schweizer Migros-Gruppe zu den Investoren. Das Geld diene laut Bericht vor allem dazu, das Produkt weiterzuentwickeln und das Konzept auch auf das Ausland auszuweiten. Der Wettlauf um Marktanteile im Lebensmittelhandel hat begonnen.

 

 

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