Digitale Kompetenz: Kein Bock auf Coding
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Digitale Kompetenz: Kein Bock auf Coding

Dass die Ausbildung einer "digitalen Kompetenz" ein Kernthema in der Schule sein sollte, steht außer Frage. Fragwürdig erscheinen dagegen einige Forderungen der Digitalwirtschaft. Um die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern, benötigen wir Querdenker – keine Programmier-Nerds!

Digitale Kompetenz – Begriff mit Interpretationsspielraum

„Digitale Kompetenz“ steht bei der Diskussion von Schul- und Ausbildungskonzepten derzeit hoch im Kurs. Bundesbildungsministerin Wanka bezeichnet sie gar als „Kulturtechnik, die für ein selbstbestimmtes Leben, berufliches Wirken und gesellschaftliche Teilhabe unabdingbar ist„. Es sei daher unsere gemeinsame Pflicht, sie den Menschen auch mit auf den Lebensweg zu geben.

Wir alle, die wir den digitalen Wandel in der Arbeitswelt täglich erfahren, können diese Aussage sicher so oder ähnlich unterschreiben. Unklar bleibt freilich, wie „Digitale Kompetenz“ zu  definieren ist. Die Google-Suche hilft hier nur wenig weiter:  Tatsächlich interpretieren heute alle möglichen Interessengruppen den Begriff nach ihrem Gutdünken  und zumeist verbunden mit einem dedizierten Forderungskatalog.

Bitkom-Studie: Was fordern die Eltern?

Ganz vorne unter den Fordernden steht, wenig überraschend, die digitale Wirtschaft.  So reklamiert der IT-Branchenverband Bitkom ein „Ende der Kreidezeit an deutschen Schulen“ und begrüßt in diesem Zusammenhang die Initiative des Bundesbildungsministeriums zur flächendeckenden Ausstattung der Schulen mit Computern und Internetzugängen.

Ende des letzten Jahres legte der Bitkom dann noch mit der Veröffentlichung einer Studie nach, in deren Rahmen mehr als 1.000 Eltern zur digitalen Schulbildung befragt wurden.

Demnach fordert ein Großteil der Eltern mehr Geld für Computertechnik und digitale Lernmittel in der Schule – wobei die übergroße Mehrheit ebenso meint, dass diese Ausgaben nicht zu Lasten anderer, dringend notwendiger Investitionen gehen sollten. Weiterhin wünschen sich alle Eltern mehr digitale Lerninhalte, insbesondere zu den Themen Datenschutz im Internet (73 Prozent), Berufschancen in der digitalen Wirtschaft (66 Prozent) und richtiges Verhalten in Chats und sozialen Netzwerken (65 Prozent).

Natürlich versäumte es Bitkom in der Pressearbeit nicht, darauf hinzuweisen, dass auch die Bedienung von Anwendungsprogrammen (46 Prozent), technischen Grundlagen wie Programmieren (42 Prozent) und die Nutzung des Webs für Recherchen (41 Prozent) auf dem Wunschkatalog vieler Eltern stehen. Und ganz wichtig: die Forderung nach Informatik als Pflichtfach ab der fünften Klasse (64 Prozent) und Englisch, die „Lingua Franka der digitalen Welt“ verpflichtend ab der ersten Klasse (67 Prozent).

Die Ergebnisse scheinen auf dem ersten Blick nachvollziehbar und ich neige dazu, mich vielen Punkten spontan anzuschließen. Klar: Eine moderne IT-Infrastruktur ist angezeigt – und wenn der Bund (wie von der Bildungsinitiative angestrebt) für die IT-Aufrüstung aufkommt, dann blieben ja lokal auch noch Mittel für neue Turnhallen und Gebäudesanierung.  Und keine Frage: Eine Sensibilisierung der Kinder mit Blick auf Datenschutz, die sich ändernde Arbeitswelt und das richtige Verhalten im sozialen Netz ist dringend notwendig.

Eltern wünschen sich eine bessere Ausstattung der Schulen mit Computern und Internetzugang.

Bundesinitiative als Konjunktur- und Arbeitskräftebeschaffungsprogramm für die Digitalwirtschaft?

Doch bei näherer Betrachtung kommen Zweifel auf: Wird mit der Erfüllung dieses Forderungskatalogs der „Aufbau digitaler Kompetenz“ wirklich effektiv adressiert? Oder mündet die vom Bitkom begrüßte, millionenschwere Initiative letztlich nur in ein Konjunktur- und Arbeitskräftebeschaffungsprogramm für die IT-Industrie?

Eine gute Netzanbindung der Schulen ist natürlich wichtig. Darüber hinaus reichen aber schon einfache Minicomputer, um den Schülern Zugang zum Internet zur Erprobung der digitalen Informationsbeschaffung und virtuellen Zusammenarbeit zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund sollte der Bund auch überlegen, in bundesweite Aus- und Weiterbildungsprogramme für Lehrer anstatt in teure Gimicks zu investieren.

Auch die wichtigsten Forderungen der Eltern mit Blick auf digitale Lerninhalte (Datenschutz, Mobbing etc.) ließen sich vergleichsweise einfach im  Ethik- oder Sachunterricht adressieren. Darüber hinaus gibt es bereits vielversprechende Initiativen wie www.digitale-helden.de. Schüler können sich hier zu Digital-Coaches ausbilden, die wiederum jüngeren Mitschülern den richtigen Umgang mit digitalen Medien beibringen. Das hört sich zielführend und zukunftsweisend an.

Dagegen bezweifle ich, dass der Ausbau von Informatik- und Englisch-Unterricht im Hinblick auf den „Aufbau digitaler Kompetenz“ so zweckdienlich ist. Welche Fächer, bitte schön, sollten denn dafür abgewählt werden?  Bereits heute gibt es eine kontroverse Diskussion über den Sinn oder Unsinn des Englisch-Unterrichts in der Grundschule. Die Grundschullehrer scheinen sich vor diesem Hintergrund weitgehend einig darüber, dass zunächst erst einmal der Deutsch-Unterricht aufgestockt werden sollte.

Digitale Kompetenz durch Programmierkurse?

Noch kritischer sehe ich die Forderung nach dem Pflichtfach Informatik ab Klasse 5. Müssen wir wirklich „Programmieren zur zweiten Muttersprache machen“, wie es der  „Digitale Bildungspakt“ – eine von Microsoft angeregte Initiative mit Vertretern „aus Wirtschaft, Wissenschaft, Öffentlichem Sektor und Zivilgesellschaft“ – fordert?

In der Begründung verweist der Bildungspakt auf (nicht namentlich genannte) Bildungsexperten, die zu dem Schluss gelangten, dass „beim Programmieren auch Schlüsselkompetenzen wie logisches Denken, Problemlösekompetenz oder Zusammenarbeit im Team vermittelt“ werden. Dies mag ja sein, aber lassen sich diese für das Digitalzeitalter essenziellen Schlüsselkompetenzen nicht auch in klassischen Schulfächern ausbilden?

Natürlich ist es sinnvoll, in Mathe, Bio oder Deutsch, nachdem die Grundlagen vermittelt wurden (unter anderen) auch digitale Medien einzubinden – etwa um weiterführende Informationen zu recherchieren und ein mathematisches Problem computergestützt zu bearbeiten. Hierfür braucht es aber kein Pflichtfach Informatik. Einer der nachhaltigsten Kurse, die ich an der Uni belegte, hieß Computergestützte Statistik. Achtzig Prozent des Kurses verwendete unser Professor darauf, die statistischen Grundlagen zu vermitteln. Danach machten wir uns in wenigen Unterrichtseinheiten daran, unser Wissen auch einmal computergestützt mit den marktüblichen Statistikprogrammen umzusetzen. In der Nachbetrachtung halte ich dieses Konzept für gelungen. Das Einarbeiten in immer neue und sich weiterentwickelnde Auswertungsprogramme fällt mir dank der vorhandenen statistischen Grundkenntnisse immer noch leicht.

Bildung als Lieferant für den Arbeitsmarkt?

Auch das immer wieder angeführte Argument, dass durch die Ausbildung harter IT-Kompetenzen die allgemeine Beschäftigungsfähigkeit steigt, darf angezeifelt werden.  Die Ergebnisse einer Studienreihe, die Hays gemeinsam mit PAC zu Kompetenzbedarf in der Automobil-, Pharma- und Finanzindustrie im Digitalzeitalter durchführte, zeigen ein anderes Muster. Demnach achten die Führungskräfte bei der Auswahl der Fachkräfte verstärkt auf Softskills wie Veränderungsbereitschaft, den Umgang mit Unsicherheit oder die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Gefragt sind weniger Nerds als vielmehr Generalisten mit themenübergreifender Expertise  (siehe auch https://www.computerwoche.de/a/chefs-muessen-veraenderungsbereitschaft-vorleben,3330963 )

Mit Blick auf die künftige technische Entwicklung kann man zudem davon ausgehen, dass die Programmierung zunehmend automatisiert bzw. durch intuitive Werkzeuge enorm vereinfacht wird. Die Bildungsforscherin Britta Matthes rät deshalb im Interview mit WiWo.de dazu, sich bei der Ausbildung von „digitalen Kompetenzen“ besser auf Themen zu fokussieren, die nur schwer durch intelligente Routinen substituiert werden können, wie etwa die Kommunikation mit Kunden oder Kollegen. Programmierung hält sie dagegen für hochgradig substituierbar.

Natürlich benötigt die Wirtschaft heute und zukünftig gut ausgebildete Softwareingenieure – ebenso wie Biochemiker oder Mechatroniker. Aber die Deckung des Fachkräftebedarfs ist nicht die Kernaufgabe der Schule. Hier bin ich ganz bei dem Organisationsexperten Frank Schabel, der davor warnt, „die Bildung als Zulieferer“ für den Arbeitsmarkt zu degradieren.

Schulen sollten Querdenker, keine Programmier-Nerds ausbilden!

Apropos Wirtschaft:  Mit bunten Zetteln und Holzbausteinen versuchen gerade viele Unternehmen in Design Thinking Workshops oder beim Lego Serious Play, ihre Innovationsfähigkeit wiederzuerlangen – und so die Kreativität ihrer Mitarbeiter, die ihnen schon während der Schulzeit abtrainiert wurde, neu zu entfachen. Da mutet es schon grotesk an, dass uns mit Blick auf „digitale Kompetenz“ in der Schule nichts Anderes einfällt, als die Kinder zu drängen, die Welt einseitig durch die Informatikbrille zu erfahren. Wir benötigen Querdenker und bilden Programmier-Nerds aus.

Aus all diesen Gründen spricht sich der OECD Bildungsexperte Andreas Schleicher gegen die Einführung eines neuen Schulfachs Informatik aus.  Stattdessen müsse die „digitale Kompetenz“ der Kinder grundsätzlich gefördert werden – was aber nur gelänge, „wenn es wirklich jedermanns Aufgabe ist und nicht nur in ein weiteres Schulfach ausgelagert wird.“

Dem kann ich folgen. Ja, die Chancen und Risiken der Digitalisierung sollte zum Thema in allen Schulfächern werden – in Bio- und Physik – ebenso wie im Musik- Sachkunde- oder Ethikunterricht, gerne auch mit praktischen Vorführungen. Die Schule ist auch der richtige Raum, um neue Formen der Zusammenarbeit über soziale Netzwerke zu erproben sowie ein hohes Maß an Experimentierfreude und Kreativität, gepaart mit einem Schuss Rebellentum zu fördern.  Die Innovationsfähigkeit der Unternehmen hierzulande lässt  sich laut dem Wirtschaftspublizisten Gunnar Sohn nicht neu entfachen, wenn keine Rebellen ins Unternehmen gelangen. „New Work“ greift aus seiner Sicht viel zu spät, um effektiv zu wirken. Seinem nachdrücklichen Appell, mit der Förderung der Rebellen bereits in der Schule zu beginnen, schließe ich mich an.

Kurzum: Kinder sind von Natur aus hochkreativ, innovativ, und veränderungsfähig – besitzen also schon die Kernkompetenzen, die im digitalen Zeitalter zählen. Diese Fähigkeiten gehen jedoch verloren,  wenn die Strukturen des Schulsystems zu starr sind sowie die Lehrer zwar Bits und Bytes definieren, aber ansonsten mit der digitalen Welt, in der sich die Schüler zu Hause fühlen, nichts anfangen können. Deshalb sollten sich die Bildungspolitiker hierzulande nicht von einfachen Reflexen à la „Digitalisierung? Informatikunterricht!“ leiten lassen, sondern stattdessen das Schulsystem und die Lehrerausbildung mit Blick auf den Digitalisierungstrend grundsätzlich hinterfragen. Ich könnte mir vorstellen, dass die meisten Eltern diese Forderung unterschreiben würden – wenn sie denn im Fragekatalog einschlägiger Studien enthalten wäre.

Schulen sollten Querdenker, keine Programmier-Nerds ausbilden.

Ausbildung „Digitaler Kompetenz“ beginnt im Kleinen

Ob und und wann ein solch großer Wurf gelingt, bleibt abzuwarten. Kurzfristig ließe sich jedoch schon viel erreichen, wenn Lehrer und Eltern etwas mehr Sensibilität fürs Digitale entwickeln. Meine 8-jährige Tochter, zum Beispiel, lernte zu Beginn des dritten Schuljahres von ihrer Klassenlehrerin, dass es mit „Blinde Kuh“ eine sichere und qualitative hochwertige Suchmaschine für Kinder gibt. Ihre Musiklehrerin animierte sie wiederum dazu, gemeinsam mit den Eltern mal das Funktionieren des Ohres zu ergründen. So begaben wir uns am Wochenende auf gemeinsame Forschungsreise, die bei „Blinde Kuh“ startete und im praktischen Test des Zusammenspiels von „Hammer, Amboss und Steigbügel“ endete.

Ein großes Dankeschön deshalb abschließend an die 30. Grundschule in Dresden – eine Schule, die nicht in der Kreidezeit verharrt, auch wenn dort noch keine Laptops auf dem Tisch stehen. Dank der Anregung der beiden Lehrerinnen und ganz ohne Programmierunterricht erlebten wir ein wunderbares Wochenende, bei dem Vater und Tochter gemeinsam ein Stück „digitale Kompetenz“ ausbildeten.

Der Autor

Andreas StiehlerAndreas Stiehler betreut in seiner Rolle als Principal Analyst Digital Enterprise Forschungsaktivitäten zu dem Thema „Digitale Transformation“, mit Fokus auf den Digital Workplace und verwandte Themen. Er ist verantwortlich für das Erstellen und Ausführen dedizierter Forschungs- und Beratungsprojekte in diesem Bereich. Zu seinen weiteren Aufgaben zählt die Weiterentwicklung der Content Marketing Services von PAC.

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