Fünf neue Zukunfts-Berufe durch Industrie 4.0
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Fünf neue Zukunfts-Berufe durch Industrie 4.0

Industrie 4.0 verändert die Berufswelt. Zwischen Experten ist inzwischen eine lebhafte Debatte entstanden, ob dieser Wandel Jobs vernichtet oder schafft. Eine 2015 veröffentlichte Studie kommt zu dem Resultat, dass es eine erhöhte Nachfrage nach bestimmten höherqualifizierten IT-Berufen geben wird.

Als 1781 die Dampfmaschine erfunden wurde, glaubten einige Leute, dass sich die Welt bald mit dem Ende der manuellen Arbeit konfrontiert sehen würde. Das Gegenteil war jedoch der Fall. Durch die Dampfmaschine entstanden völlig neue Branchen, wie zum Beispiel der Eisenbahnverkehr oder effiziente Fabriken, wodurch einerseits ein Teil der manuellen Arbeit abgeschafft wurde, andererseits aber neue Arbeitsplätze, wie zum Beispiel die Berufe Maschinenbediener, Ingenieur oder Wartungsarbeiter geschaffen wurden.

Fast 250 Jahre später ist die Debatte immer noch die gleiche. Wird die industrielle Technologie der nächsten Generation, genauer gesagt das Industrial Internet of Things (IIoT oder in Deutschland auch Industrie 4.0 genannt) unsere Arbeitsstellen ersetzen?

In Ihrem Bestseller „The Second Machine Age” zeichnen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee ein düsteres Bild der Arbeitswelt, in der Robotik und Künstliche Intelligenz in naher Zukunft auch in vielen Büros menschliche Arbeit überflüssig machen. Einzelne Berufe und Tätigkeiten wird es sicher treffen: So wird das industrielle Internet der Dinge (Industrial Internet of Things, IIoT) die Automation manueller Routinearbeit etwa in Bereichen wie Fertigung, Verwaltung, Qualitätskontrolle und Planung weiter beschleunigen. Aber gilt das für menschliche Arbeit überhaupt?

In einem Bericht, den wir 2015 gemeinsam mit der Boston Consulting Group veröffentlicht haben, wurden zehn individuelle Anwendungsbeispiele aus dem Bereich Industrie 4.0 untersucht – und das Gesamtbild sah gar nicht so schlecht aus. Für einige Berufe ist sogar eine stark steigende Nachfrage zu erwarten: hauptsächlich in der IT und bei Forschung und Entwicklung. Momentan sieht es so aus, dass das IIoT neue Produktangebote und Geschäftsmodelle (wie Machine-as-a-Service oder 3D-Druck vor Ort) hervorbringen wird. Falls sich dieser Trend fortsetzt, wäre in Deutschland sogar mit einem Nettozuwachs von bis zu 350.000 Arbeitsplätzen durch Industrie 4.0 (+ 5 %) in den nächsten zehn Jahren zu rechnen. Die gute Nachricht: Die Nachfrage nach industriellen Arbeitskräften wird wahrscheinlich wachsen. Die Kehrseite: Gefragt werden neue Berufe sein, die fachlich höhere Anforderungen stellen.

Die Top-5-Berufe im Bereich Industrial IoT

Durch neue Technologien und Verfahren im industriellen Internet der Dinge werden auch neue Berufe entstehen. Ihre Vertreter werden künftig gesuchte Spezialisten in der Industrie sein. Wir stellen die fünf spannendsten Zukunfts-Berufe vor:

1. Industrieller Datenanalyst (Data Scientist)

Der Harvard Business Review hat den Datenanalysten als „den attraktivsten Beruf des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Derzeit sind Datenanalysten ein stark wachsendes Berufsbild in Konsumgüter- wie auch E-Commerce-Unternehmen. Nun halten sie Einzug in die digitale Arbeitswelt. Datenanalysten extrahieren Daten aus unterschiedlichen und zahlreichen Quellen, fahren auf diesem Material umfangreiche Analysen und nutzen schließlich ihre Ergebnisse, um Produkte und Produktionsverfahren zu verbessern. Industrielle Datenanalysten müssen ebenso Fertigungsprozesse wie auch IT-Systeme verstehen. Zudem brauchen sie besondere Kompetenzen in der Ursachenanalyse, um komplexe Zusammenhänge zu durchschauen und daraus umsetzbare Lösungen abzuleiten. Programmierkenntnisse sind unverzichtbar: sowohl im Umgang mit statistischen Programmiersprachen wie „R“ als auch mit universellen Sprachen wie Python. Industrielle Datenanalysten zeichnen sich durch geistige Beweglichkeit aus, weil sie laufend auf neue Themen reagieren und auf schnell wechselnde Anforderungen eingehen müssen. Dabei müssen sie mal als Belegschaftsmitarbeiter, mal als auswärtiger Experte in wechselnden und verteilten Teams produktiv sein.

2. Roboterkoordinator

Semi-autonome, autonome und sogar humanoide Roboter sind zunehmend auf Produktionsflächen in Fabriken im Einsatz (siehe zum Beispiel die Rethink Robotics Produktreihe der kollaborativen Baxter-Roboter). Die Rolle des Roboterkoordinators wird ein neu geschaffener Industrial IoT-Beruf sein. In seiner Verantwortung liegt es, die Roboter auf der Produktionsfläche zu überwachen und auf Störungen oder Fehlersignale zu reagieren. Der Koordinator führt Wartungen aus sowohl bei Routinefällen als auch im Notfall und zieht dazu bei Bedarf weitere Experten zurate. Wenn ein Roboter außer Betrieb genommen werden muss, wird er durch einen anderen ersetzt, um Produktionsausfälle zu vermindern. In vielen Fällen werden Hersteller in der Lage sein, Maschinenbediener umzuschulen, sodass sie diese Funktion übernehmen können und weniger neue Mitarbeiter benötigt werden.

3. IT/IoT-Lösungsarchitekt

IT-Systeme werden in verarbeitenden Betrieben immer komplexer und wichtiger. Um die steigende Anzahl an Maschinen und Produkten, die in Echtzeit miteinander verbunden sind, zu verwalten, übernehmen IT-Lösungsarchitekten die Verantwortung für das gesamte Systemdesign. Sie bilden Geschäftsanforderungen in IT-Systemen an. Zusammen mit anderen technischen Architekten definieren sie die technischen Rahmenbedingungen und integrieren unterschiedliche Technologien, Plattformen und Mitarbeiter. Der IT-Lösungsarchitekt trägt eine ganzheitliche Verantwortung für Anwendungen für externe Produktionszentren, zur vorbeugenden Instandhaltung oder durch Erweiterte Realität (Augmented Reality) unterlegte Verfahren. Wie der industrielle Datenanalyst verfügt der IT-Lösungsarchitekt über ein breites Spektrum an Fähigkeiten, die betriebliches Know-how und IT-Erfahrung mit Kompetenzen in Datenmanagement sowie Anwendungs- und Technologiekenntnissen verbinden.

4. Industrieller Entwickler/Programmierer

Die vom IT-Lösungsarchitekten entworfene IT-Lösung wird vom industriellen Entwickler zum Leben erweckt. Für diese industriellen IoT-Tätigkeiten sind drei Arten an Programmierkenntnissen erforderlich. Zunächst sollte der Programmierer Erfahrung in einigen der wichtigsten allgemeinen Programmiersprachen wie Java, C ++ oder Python haben. Zweitens sollte er/sie mit spezifischen Anwendungen arbeiten können: z. B. Matlab und Simulink für industrielle Simulationen oder R für die allgemeine Programmierung von Datenanalysen. Zuletzt besteht eine wichtige Hardware-Komponente in der industriellen Programmierumgebung: Roboter und intelligente Geräte müssen programmiert werden. Eine Kombination von Programmiersprachen wie C, VHDL und proprietären Sprachen wie Kukas KRL ist heute erforderlich. Entwickler müssen sich auch bewusst sein, dass die zunehmende Verschiebung hin zu Cloud-Architekturen neue Programmierparadigmen mit sich bringen. Beispiele hierfür sind Komponenten als Services, eine zunehmende Fokussierung auf leichte Objekte und Layered Services sowie neue Protokolle und vereinfachte Programmiersprachen wie node.js.

5. Industrieller UI/UX-Entwickler

Eine andere Berufsgruppe, die langsam den Weg von der Welt der Konsumgüter zur Industrie findet, sind User Interface- (UI) und User Experience (UX)-Entwickler. Von intuitiven bedienbaren Dashboards auf Tablets und Smartphones, über Maschinenoberflächen und Roboterinteraktionen, Augmented Reality-Anwendungen in Betrieb und Wartung bis hin zum Service- und Produktdesign für Nutzer von Industrieausrüstungen – das industrielle Umfeld wird eine drastische Zunahme digitaler Benutzeroberflächen erleben, die laufend für die professionellen Bedürfnisse von Fachkräften optimiert werden müssen. Dafür braucht es Spezialisten: UX-Entwickler sorgen etwa dafür, dass Produkte einfach zu handhaben sind und sich wie von selbst dem Benutzer offenbaren. UI-Entwickler wiederum gestalten Bildschirmoberflächen, mit denen Anwender möglichst reibungslos interagieren sollen und logisch nachvollziehbar ihren Weg finden. Beide Berufe gewinnen im industriellen Umfeld zunehmend an Bedeutung. Grundkenntnisse in industriellem Softwarearchitektur-Design und modernsten Programmiersprachen und -methoden sind ein Muss für jeden industriellen UI/UX-Entwickler.

Was das für Sie bedeutet und Ausblick

Die hier skizzierten Zukunfts-Berufe im Bereich Industrial IoT sind allesamt IT-Berufe. Einige haben sich bereits in konsumentenorientieren Branchen etabliert, wie zum Beispiel der UI/UX-Entwickler. Das industrielle Internet überträgt somit digitale Kompetenz in das verarbeitende Gewerbe. Das gilt auch für die traditionellen Industrieberufe, auch sie werden digital transformiert. Von Maschinenführern und ihren Nachfolgern werden künftig deutlich mehr IT-Kompetenzen verlangt.

Was bedeutet das für Industriemitarbeiter:

  • Wer eine Laufbahn in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe anstrebt, sollte eine Karriere in einer der fünf IoT-Zukunftsberufe in Erwägung ziehen.
  • Heutige Profis sollten ihr IT-Profil stärken, zum Beispiel durch gezielte Fortbildung oder Umschulung in einem der oben genannten Bereiche, zum Beispiel über einen Onlinekurs.
  • Führungskräfte in Industriebetrieben sollten Strategien entwickeln, die neuen digitalen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter frühzeitig und nachhaltig weiterzuentwickeln.

Wir werden nicht nur eine Verschiebung vom klassischen Maschinenbau zur IT-bezogenen Arbeit erleben. Ebenso wichtig: Die neu geschaffenen Arbeitsplätze stellen erheblich höhere Anforderungen an die Qualifikation der Mitarbeiter als die bereits heute in der Produktion vorherrschenden Arbeitsplätze.

Der oft zitierte „War for Talent“ wird besonders in den Zukunftsberufen der digital-transformierten Wirtschaft toben – ein Mangel an qualifizierten Mitarbeitern ist schon heute abzusehen, was nebenbei auch zu hohen Löhnen in diesen Bereichen führt.

Für weitere Informationen über die Zukunfts-Berufe des neuen industriellen Zeitalters können Sie den vollständigen Bericht „Man and machine in Industry 4.0“ hier herunterladen.

 

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt – den Originalartikel finden Sie hier.

 

Der Autor

Knud Lasse Lueth ist Marktexperte in den Bereichen IoT und Industrie 4.0. Er ist Geschäftsführer des Analystenhaus IoT Analytics, Autor zahlreicher Marktstudien zum Internet der Dinge und regelmäßiger Sprecher auf Digitalisierungsveranstaltungen. Herr Lüth lebt und arbeitet in Hamburg.

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