IoT im Gesundheitswesen kommt in kleinen Schritten
Bild: @istock.com/thomasandreas Posted on von Analysten | Internet der Dinge

IoT im Gesundheitswesen kommt in kleinen Schritten

Fitnessarmbänder, Labordaten, Gesundheits-Apps und der Cyborg als Physiotherapeut – wie das Internet der Dinge und Big-Data-Analysen Schritt für Schritt das Gesundheitswesen verändern. Einiges davon ist noch Zukunftsmusik, doch die Digitalisierung im Gesundheitswesen kommt.

Auf einer Marketing-Veranstaltung über das Internet der Dinge und das Gesundheitswesen würde der Vortragende sicherlich als erstes fragen: Wer von Ihnen hat ein Fitnessarmband oder eine Fitness-App? Dann würden vermutlich an die 20 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Saal die Hand heben. Können diese Schrittzähler mit Zusatzfunktionen wirklich die Gesundheit verbessern? Wie ist das mit diesen Geräten und den Communities, die sich darum bilden? Der soziale Faktor ist oft ein größerer Beitrag für die Verbesserung der Fitness als die konkreten Aufgaben („Gehe 1.000 Schritte“ oder „Iss einen Apfel“). Schließlich motiviert man sich in der Community. Die damit verknüpften Aspekte bestätigten auch Ärzte in einer Umfrage des IT-Branchenverbandes BITKOM (Juni 2017): 53 Prozent der Ärzte stehen Gesundheits-Apps positiv gegenüber. Die Anwender müssen aber auch auf Technik anspringen und sich in den Social Media zurechtfinden und wohl fühlen. Das ist vielleicht nicht unbedingt das, was heute 80-jährige brauchen, wenn es um eine neue Hüfte, ein neues Knie oder eine Glaukom-OP geht. Fitness-Armbänder und Gesundheits-Apps sind vor allem aus der Perspektive des Krankenhausbetriebs eine Modeerscheinung.

Wenn Gesundheits-Apps eher etwas für Freizeit und Fitness sind: Was kann die Digitalisierung dann im Gesundheitswesen erreichen? Die vielen Aspekte, in denen Technologie und Digitalisierung heute im Gesundheitswesen, vor allem im Krankenhaus, für Veränderungen sorgen, lassen sich grob in administrative, diagnostische und therapeutische Lösungen unterscheiden. Dabei steht die Gesellschaft hier noch ganz am Anfang einer Entwicklung, die weit in die 20er und 30er Jahre dieses Jahrhunderts reichen wird. Am ehesten wird sich die Digitalisierung in der Administration von Kranken und ihren Krankheiten verankern. Dort können bestimmte Schemata aus Prozessen anderer Branchen (und die dahinter liegenden IT-Verfahren und -Technologien) schnell adaptiert werden.

Sind Gesundheits-Apps schon IoT?

Interessant wird  die Möglichkeit ganz neuer Analysen und Auswertungen. Die Daten aus dem Krankenhaus werden neutralisiert mit externen Daten kombiniert – womöglich Daten aus Fitnessarmbändern und Gesundheits-Apps – und liefern vielleicht Erkenntnisse, die den Patienten den Aufenthalt im Krankenhaus ein bisschen angenehmer gestalten. Denn, Hand aufs Herz, was an vielversprechenden Szenarien der IT-Branche mitunter als Zukunftsvisionen kolportiert wird, hat mit der Realität in einem ganz normalen deutschen, britischen oder polnischen Krankenhaus nicht viel gemeinsam. Das Internet der Dinge, das IoT, wird außerdem im Zuge der Behandlung von personenbezogenen Daten in den IT-Systemen der verschiedenen Beteiligten sichtbar bzw. spürbar werden. Die Idee, mit einer elektronischen Fernsignatur nicht nur den Scheck für den Radiologen, sondern auch die Einverständniserklärung für die OP und die Einwilligung zur Verarbeitung der Daten in medizinischen Fachverfahren zu unterschreiben klingt reizvoll.

Nicht nur Patient und Arzt

IoT und Digitalisierung im Gesundheitswesen betreffen nicht nur den Patienten mit seiner Erkrankung und den Arzt mit seinen Aufgaben. Big-Data-Analysen, die Daten von allen nur denkbaren Geräten und Datenquellen analysieren, können die Kommunikation zwischen Leistungserbringer und Kostenträger unterstützen, zum Beispiel hinsichtlich einer finanziellen Aufstockung der dringend benötigten Pflegekräfte. Wann wie viele benötigt werden, sollten die Analysen unter Berücksichtigung der zahlreichen neuen Datenquellen zeigen, die das Internet der Dinge schafft. Die Verwaltung von Kranken und Gesunden und die Pflegequalität sind Bereiche, in denen sich die Digitalisierung am sichtbarsten auswirken wird.

Etwas langsamer werden die Digitalisierung und das Internet der Dinge in der Diagnostik um sich greifen. Dabei liegt es dort gar nicht so sehr an der Technik und den Verfahren, sondern einfach an der Langfristigkeit der Investitionen in teure Geräte wie MRT und CT oder in Labormesstechnik.

Mittelfristig wird das Internet der Dinge die vielen Bereiche der Medizintechnik erreichen. Momentan ist vielleicht nur das Ultraschallgerät mit dem Netzwerk verbunden und liefert Daten direkt an das Bildablage- und Kommunikationssystem. Andere Systeme gehen mitunter noch den Weg durch ein lokales Computersystem. Sie bilden also noch nicht mit eigener Intelligenz, im Sinne von Edge-Computing oder Edge-Intelligence, das Internet der Dinge. Schneller wird die Digitalisierung sich mit kleinen, mobilen Geräten bemerkbar machen, beispielsweise bei den Geräten zum Messen medizinischer Daten des Patienten am Krankenbett und im Labor. Vernetzte Geräte tragen die Daten direkt in die entsprechenden Datenbanken ein, und Schritt für Schritt entsteht das Internet der Dinge.

Ein Cyborg als Physiotherapeut?

Eher Zukunftsmusik dürfte das Internet der Dinge in der Therapie sein, wenn man die direkte heilende Behandlung des Patienten betrachtet. Würden Sie heute einem kleinen Kasten vertrauen, der ein Medikament für Sie zusammenstellt, oder dem Cyborg, der an Ihrem Krankenbett auftaucht, weil er den Physiotherapeuten für die schnelle Mobilisierung nach der OP ersetzen soll? Das Internet der Dinge wird sich in der Therapie zunächst vor allem im Hintergrund abspielen. Ein denkbares und realistisches Beispiel wäre die Vernetzung von Medikamenten und Heilmitteln und der entsprechenden Dosiermaschinen in der Apotheke – im Krankenhaus wie an der Ecke. Hier laufen Daten aus der Diagnostik, vom aktuellen Krankenblatt und aus anderen Quellen zusammen und koordinieren Maschinen bei der Fertigung oder Abmischung des Medikaments für einen einzelnen Patienten. Mit diesem Szenario kommen wir der IoT-/Industrie-4.0-Idee einer Fertigung mit Losgröße 1 schon recht nahe. Dadurch könnten die verwendeten Substanzen sehr viel genauer gemessen, kontrolliert und protokolliert werden. Das Ergebnis ist eine sehr viel höhere Arzneimitteltherapiesicherheit. Darüber hinaus könnten wertvolle Rohstoffe sparsamer oder zumindest kontrollierter eingesetzt werden.

In einer Phase der Digitalisierung im Gesundheitswesen erleben wir derzeit einen gewissen Stillstand: Bei der ambulanten Versorgung der Patienten zu Hause, bei chronischen Erkrankungen oder bei der Pflege nach der stationären Behandlung. Da gab es spannende und attraktive Pilotprojekte und Forschungsinitiativen. Doch auch hier läuft die IT der Realität ein großes Stück voraus.

Status quo mit spannender Zukunft

Möglicherweise hinterlässt der hier geschilderte Überblick vordergründig einen pessimistischen Eindruck. Das stimmt aber nur zum Teil, denn man sieht, in wie viele Richtungen sich die Technologie bereits entwickelt hat und weiter entwickelt. Es gibt finanzielle Limitierungen, gesundheitssystemimmanente Hürden und vielleicht zu einem kleinen Teil Akzeptanzschwierigkeiten. Mit den entsprechenden Dienstleistern, die den Krankenhäusern und Kostenträgern mit den richtigen Services zur Seite stehen, können alle diese – hier nur kurz umrissenen – Szenarien beschleunigt werden.

Vor allem kann das Gesundheitswesen von den Industrie-4.0-Erfahrungen aus der Fertigungsindustrie profitieren. Hier hat sich ja schon gezeigt, wo es Haken gibt und welcher Aufwand für die Realisierung smarter Produkte und digitaler Geschäftsmodelle erforderlich ist. Partner aus der IT-Branche sind hier sicherlich gern gesehen, wenn sie auch die kleinen Schritte mit Transformationsberatung sowie mit Soft- und Hardware-Kompetenz unterstützen. Nicht nur zum Ausprobieren von Szenarien, sondern vor allem für den produktiven Einsatz können Dienstleister einen Beitrag leisten.

Der Autor

Holm Landrock ist für ISG als ICT-Analyst und Kommunikationsberater aktiv. Seine Kernthemen liegen in der technisch-wissenschaftlichen IT sowie bei Trendthemen wie Big Data, E-Health und Industrie 4.0.

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