Multi Cloud: Neue Normalität in Business-IT des Mittelstands
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Multi Cloud: Neue Normalität in Business-IT des Mittelstands

Anlässlich der brandneuen Studie „Hybrid- und Multi-Cloud-Services im deutschen Mittelstand“ verraten Experten von Crisp Research, EuroCloud Deutschland und der QSC AG, wie sich die Unternehmens-IT im Mittelstand bis zum Jahr 2020 verändert.

Der deutsche Mittelstand legt deutlich Tempo zu bei der Digitalisierung — das zeigt eine Umfrage des IT-Analystenhauses Crisp Research unter 314 Unternehmen mit 200 bis über 5.000 Mitarbeitern. Nach Jahren des Abwartens und der Orientierung schaltet die Mehrzahl der befragten Betriebe in den kommenden drei Jahren auf Umsetzen. Bis zum Jahr 2020 wird Cloud Computing in über 80 Prozent der mittelständischen Betriebe eine tragende Säule der IT-Strategie bilden, so ein Ergebnis der Umfrage. Der Multi-Cloud-Ansatz, also Lösungen verschiedener Cloud-Anbieter und Bereitstellungsmodelle in einer Umgebung zu kombinieren, wird dabei die neue Normalität in der Business-IT sein. Nahezu die Hälfte ihrer IT-Budgets wollen die Unternehmen in den Aufbau solcher differenzierten und komplexen Cloud-Landschaften investieren. Im Interview zeigen Steve Janata, COO von Crisp Research und Leiter der Studie, und Andreas Weiss, Direktor des Fachverbands EuroCloud Deutschland, sowie die Multi-Cloud-Experten Marc Sundermann und Gerald Fehringer von der QSC AG, wie sich die Unternehmens-IT im Mittelstand verändern wird.

 

DWW: Bei der Diskussion über die digitale Transformation des Mittelstands sah man oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Neue digitale Geschäftsmodelle fielen nicht vom Himmel. Der Mittelstand schien eher abzuwarten trotz der Warnungen vor der Disruption des eigenen Geschäfts. In der vorliegenden Studie kommen Sie zu einem neuen Befund: Die befragten mittelständischen Unternehmen zeigen sich viel aktiver. Was treibt das neue Engagement?

Steve Janata: In der Tat, die Entscheider aus dem Mittelstand, die wir in der Studie befragt haben, arbeiten inzwischen sehr intensiv und ganz konkret daran, eine eigene Digitalisierungs-Story auf die Beine zu stellen. Schon in früheren Befragungen registrierten wir eine starke Aufmerksamkeit für dieses Thema — auch bei dieser Studie schätzen vier von fünf Entscheidern die Digitalisierung als relevant oder sogar maßgeblich für ihre Organisation ein. Neu ist, dass die meisten Unternehmen endlich ein konkretes Ziel vor Augen haben, gewissermaßen den ersten Meilenstein zur digitalen Transformation ihrer Organisation. Und mit einem greifbaren Ziel verbinden Manager auch ein konkretes Datum und das bringt Tempo in den Prozess.

DWW: Wo setzen die Unternehmen an?

Steve Janata: Beim Fundament. Die Mehrheit plant, zuerst ihre Bestands-IT zu dynamisieren. Erst danach wollen sie ihre Kundenbeziehung digitalisieren, Prozesse optimieren und ihre Geschäftsmodelle überdenken. Die Unternehmen, die konkret ins Umsetzen schalten, haben begriffen, dass eine flexible und skalierbare IT-Landschaft die unverzichtbare Voraussetzung für alle weiteren Schritte ist. Die Zeiten, in denen die IT einfach nur möglichst unsichtbar und geräuschlos in den Unternehmen funktionieren sollte, sind auch im Mittelstand endgültig vorbei. Nach unserer Einschätzung wird sich das Bild der IT-Landschaften in Deutschland stark verändern, und zwar viel schneller als viele erwarten, nämlich in den kommenden drei bis vier Jahren. Die Unternehmen verlagern maßgebliche Teile ihrer Workloads und somit auch ihrer IT-Budgets in die Cloud.

DWW: IT als Service und neue Bezugsmodelle aus der Cloud sind ja inzwischen nichts Neues mehr.

Marc Sundermann: Das ist richtig. Was in dieser Studie allerdings deutlicher als in früheren Erhebungen zutage tritt, ist die Konsequenz, mit der die Unternehmen diese Technologien adaptieren: Von 314 befragten Unternehmen setzen 80 Prozent auf Cloud-Technologie oder wollen dies tun. Ein gutes Drittel befindet sich in der Planung, ein knappes weiteres Drittel steckt in ersten Projekten. Die meisten befinden sich also in einer Aufbau- und Migrationsphase. Aber bei fast einem Fünftel ist die Cloud schon fester Bestandteil der Unternehmens-IT.

Gerald Fehringer: Bemerkenswert ist auch die mittelfristige Perspektive: 62 Prozent der Studienteilnehmer setzen auf komplexe Cloud-Szenarien in Form von Hybrid- und Multi Clouds. Bis zum Jahr 2020 steigt die parallele Nutzung unterschiedlicher Cloud-Services um das Dreifache. Drei Viertel der Cloud-Landschaften werden dann bereits Hybrid- oder Multi-Cloud-Umgebungen sein, und das im Mittelstand!

DWW: Verglichen mit der anfänglichen Skepsis bedeutet das eine Wende um hundertachtzig Grad. Woher der Sinnenwandel?

Andreas Weiss: Die Unternehmen im Mittelstand spüren einen zunehmenden Druck aus dem Markt, bei der Digitalisierung voranzukommen. Schließlich geht es um ihre langfristige internationale Wettbewerbsfähigkeit. Ein weiterer entscheidender Grund ist der Cloud-Markt selbst. Seit der Gründung der EuroCloud in Paris vor mehr als sieben Jahren hat sich in Europa und Deutschland viel getan. Heute profitiert die Wirtschaft von der kontroversen Diskussion auf dem Kontinent um Qualität und Sicherheit in der Cloud: Es gibt heute ein hohes Maß an Transparenz, funktionierende Standards, Zertifizierungen, ausgereifte Produkte und eine kontinuierliche Entwicklung. Auch die globalen Cloud-Provider stellen sich inzwischen auf die besonderen Anforderungen der Europäer ein. Durch diese Entwicklung und belastbare Best Practices ist Vertrauen gewachsen.

DWW: Sie sagen, dass der Mittelstand bereits heute 41 Prozent seiner IT-Budgets in Aufbau und Betrieb von Cloud-Landschaften investiert. Wie werden sich mittelfristig die Schwerpunkte in der Unternehmens-IT verschieben?

Steve Janata: Es mag überraschen, aber schon heute dominiert nicht etwa die Private Cloud die mittelständischen Cloud-Strategien. Nicht einmal sieben Prozent setzen auf die Wolke im betriebseigenen Rechenzentrum. Als agile und vernetzte Plattformen, die der digitalen Wertschöpfungskette zugrunde liegen, kristallisieren sich immer häufiger Hybrid- und Multi-Cloud-Betriebsmodelle heraus. Die Hybrid Cloud, also die Kombination aus lokalen IT-Systemen im Unternehmen und Diensten aus einer Public Cloud, ist mit 43,9 Prozent schon jetzt die bevorzugte Variante. Bis 2020 wird sich dieser Trend zu komplexen Cloud-Szenarien verstärken. Dann wird die Hybrid Cloud schon 47,4 Prozent unter den präferierten Bereitstellungsmodellen ausmachen. Und während heute gerade jedes zehnte der befragten Unternehmen mehrere Cloud-Plattformen parallel nutzt, werden es in drei Jahren mehr als 30 Prozent sein. Der Anteil bloßer Public-Cloud-Szenarien wird hingegen von heute 40 auf unter 20 Prozent sinken. Der reinen Private Cloud bleibt ein Nischendasein von knapp drei Prozent. Die IT im Mittelstand wird in Zukunft also eine Multi-Cloud-IT sein.

DWW: Die Studie zeigt, dass es bei diesen Multi-Cloud-Szenarien nicht nur um Ansammlungen einiger unverbundener SaaS-Lösungen geht. Was versprechen sich die Unternehmen von einer Multi Cloud?

Marc Sundermann: Ein Cloud-Mix aus SaaS-Lösungen ist tatsächlich ein Einsteigerszenario und betrifft gerade einmal jeden zehnten der Studienteilnehmer. Es geht den Unternehmen darum, ganze Infrastruktur-Konzepte für eine übergreifende digitale Wertschöpfung umzusetzen. Die Cloud ist in diesem Bild kein Zusatz mehr, sondern tragende Säule. Die Unternehmen müssen in immer schnellerer Taktung vernetzte und digitalisierte Dienste und Güter für den globalen Markt bereitstellen. Sie wissen, dass sie das weder mit der hauseigenen IT-Infrastruktur bewerkstelligen, noch mit einem einzelnen Cloud-Dienst. Nach unserer Erfahrung bewährt sich in den meisten Fällen eine Best-of-Breed-Strategie, die die Stärken mehrerer Anbieter kombiniert.

DWW: Eine Multi Cloud stellt allerdings auch ganz neue Anforderungen. Worauf müssen sich Unternehmen einstellen?

Marc Sundermann: Die Studienergebnisse zeigen das sehr deutlich: Auf technischer Ebene sehen die Studienteilnehmer die Migration von Daten und Systemen auf die unterschiedlichen Cloud-Plattformen als größte Hürde. Durchaus zu Recht. Denn die Umfrage zeigt, dass die Unternehmen bei geschäftskritischen Anwendungen auch in der Multi Cloud meist nicht auf SaaS-Lösungen ausweichen, sondern ihre Individual- und Legacy-Applikationen in die Cloud heben. Eher noch wechseln sie auf Angebote zum Managed Hosting von Standard-Software in der Cloud. Das heißt, der Mittelstand legt auch in Multi-Cloud-Szenarien Wert darauf, seine Geschäftsprozesse durch eine individuelle Software-Architektur abzubilden. In unseren Projekten bereiten wir unsere mittelständischen Kunden durch ein Multi-Cloud-Assessment auf diesen Schritt vor.

Steve Janata: Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nennen die Befragten vor allem die Intransparenz von Lizenz- und Preismodellen zwischen den verschiedenen Cloud-Plattformen als größte Herausforderung. Das Management der ganzen Kostenseite, Billingprozesse und TCO-Berechnungen für multiple Cloud-Szenarien sind für die meisten Mittelständler komplettes Neuland.

Gerald Fehringer: Auch organisatorisch sehen sich Unternehmen in der Multi Cloud mit neuen Aufgaben konfrontiert. So gilt es, die externen Cloud-Plattformen mit den unternehmenseigenen Datenschutz- und Compliance-Auflagen zu harmonisieren. Fast die Hälfte der Befragten sehen hier das größte Problem. Und auch nach innen steigt die Komplexität: Denn gerade in Multi-Cloud-Szenarien müssen Unternehmen etwa die blühende Schatten-IT in den Griff bekommen. Nicht erst beim plattformübergreifenden Support für die interne IT, Fachabteilungen und Anwender geraten die meisten Unternehmen an ihre Grenze.

DWW: Wie wollen Unternehmen diese Komplexität künftig überhaupt beherrschen? Bauen sie die nötigen Kompetenzen im eigenen Haus auf? Wer sind die präferierten Ansprechpartner aus Sicht des Mittelstands?

Andreas Weiss: Das Management von Multi-Cloud-Infrastrukturen verlangt neue Kompetenzen, die klassische IT-Abteilungen nicht abdecken. Cloud-Experten sind allerdings gesuchte Spezialisten im Markt. Es zieht sie zu den wenigen Großkonzernen, IT-Blue-Chips und Beratungshäusern. Der Mittelstand wird dieses Know-how in der notwendigen Breite niemals flächendeckend aufbauen können, und schon die Herausforderung auf dem jeweils aktuellen Stand zu bleiben ist enorm. Das ist den befragten Unternehmen auch bewusst. Drei Viertel der Befragten will das Management ihrer Multi Cloud darum an einen Dienstleister übertragen. Nicht zu vergessen, die IT-Sicherheitskonzepte müssen generell dringend angepasst werden, daher sind viele IT-Strukturen ohnehin auf den Prüfstand zu geben.

Steve Janata: Bei der Präferenz der Anbieter haben wir in der Studie eine eindeutige Tendenz festgestellt: Knapp ein Drittel der Befragten sieht die Managed Service Provider als wichtigste Ansprechpartner für Planung, Aufbau und Orchestrierung von Multi Clouds. Bei IT-Leitern und CIOs ist diese Einschätzung noch deutlicher ausgeprägt, hier schätzen sogar 43 Prozent den Managed Service Provider als Trusted Advisor für moderne Cloud-Strategien. Die klassischen Systemhäuser hingegen und ebenso die Public-Cloud-Provider bewerten nur 15 bzw. elf Prozent der Befragten als Partner der Wahl.

DWW: Trotzdem erwarten noch knapp zwanzig Prozent der befragten Unternehmen, dass die Cloud auch in Zukunft keine Rolle für ihre IT spielen wird. Ist das eine realistische Perspektive?

Steve Janata: Die Quote deckt sich in etwa mit der Zahl der Unternehmen, die glauben, dass sie nicht von der Digitalisierung betroffen sind. Letztlich geht es auch für den Mittelstand darum, die eigene Wettbewerbsfähigkeit im digitalen Zeitalter sicherzustellen. Diejenigen, die nicht auf einen Cloud-Mix setzen werden, können nur einen kleinen Teil der selbst identifizierten Digitalisierungspotentiale ausschöpfen. Und das kann in Zukunft zu einem Problem werden.

Lesen Sie im ersten Teil unserer dreiteiligen Beitragsserie zur Studie „Hybrid- und Multi-Cloud-Services im deutschen Mittelstand“, wie deutsche Unternehmen die Cloud heute nutzen und welcher Trend sich für die kommenden Jahre abzeichnet.

 

Über die Autoren:

Steve Janata ist COO und Senior Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Steve Janata als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Fragen des Strategie-, Portfolio- und Channel-Management. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Markt & Wettbewerb, Cloud Security und Cloud Ecosystems. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Carlo Velten bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Steve Janata engagiert sich politisch im Managerkreis der Friedrich Ebert Stiftung zum Thema Digitale Wirtschaft und Gesellschaft.

 

 

 

 

Marc Sundermann ist Experte für das Thema Multi Cloud und Cloud-Strategien und hat als IT-Architekt langjährige Erfahrung in der Planung und Umsetzung komplexer Cloud-Architekturen. Bei der QSC AG ist er in seiner Position als Head of Business Development für die strategische Ausrichtung des neuen Geschäftsbereichs Multi Cloud zuständig. Herr Sundermann lebt und arbeitet in Hamburg.

 

 

 

 

 

 

Andreas Weiss ist seit der Gründung (2009) als Direktor des Cloud Fachverbandes EuroCloud Deutschland_eco e.V. und seit 2013 aktiv bei Initiativen der EuroCloud Europe tätig. Er hat maßgeblich die Entwicklung des Star Audit durchgeführt und ist zudem bei diversen Initiativen zur Förderung der Sicherheit und Transparenz von digitalen Plattformen und Diensten eingebunden.

 

 

 

 

 

 

Gerald Fehringer beschäftigt sich bereits sein gesamtes Berufsleben mit IT Security. Nach diversen Stationen als IT-Sicherheitsexperte und Cloud-Architekt bei Systemhäusern und IT-Unternehmen berät Fehringer als Leiter Multi Cloud Consulting heute Mittelständler für die QSC AG unter anderem zu Sicherheitsfragen im komplexen Multi-Cloud-Umfeld.

 

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