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Wie wirkt sich der Brexit auf die Cloud-Nutzung in Europa aus?

Der Brexit zieht nicht nur neue Grenzen im politischen Europa und in der Finanzwirtschaft: Auch in der Cloud endet der europäische Rechtsraum bald diesseits des Kanals. Mit welchen Folgen? Deutschland wird nicht nur als Finanzplatz an Bedeutung gewinnen, sondern auch als Rechenzentrum Europas.

 

Brexit
Bild: Sachkin/Shutterstock.com

So unklar die tatsächlichen Folgen aus dem Brexit noch sind: Aus IT Sicht sollten sich Unternehmen frühzeitig auf einige Szenarien einstellen, damit sie genügend Zeit für strategische Maßnahmen haben und eben nicht hinterher im Panik-Modus agieren müssen.

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Cloud-Services aus UK stehen nach Brexit auf Gelb

Einige IT-Anwender nutzen Rechenzentren in Großbritannien, sei es als Backup oder primäres Rechenzentrum, sei es als Housing, Hosting Service oder in Form von Cloud-Diensten. Die Compliance eines EU-europäischen Rechenzentrums wird wahrscheinlich perdu sein. Hier gilt es, die nun kommenden Verhandlungen zu beobachten und schon im Vorfeld nach Alternativen zu suchen. So kann man bei klarer Faktenlage rasch entscheiden. Für Neuverträge oder Vertragsverlängerungen ist im Moment auf jeden Fall Vorsicht geboten.

Unternehmenssitz und Server-Standort entscheidend für den Datenschutz

Innerhalb der EU ist das Land des Unternehmenssitzes von zentraler Bedeutung. Es regelt, welches Recht in Bezug auf den Datenschutz gilt. Das ist bereits in der europäischen Datenschutzrichtlinie und in der neuen EU-Datenschutzverordnung so geregelt.

Unternehmenssitz und Rechenzentrum in Deutschland

Die größte Sicherheit herrscht für Kunden, wenn der Unternehmenssitz des Providers ebenso wie die Daten in Deutschland liegen. In dem Fall gilt das deutsche Datenschutzrecht. Überwachungsmaßnahmen und Anordnungen auf die Herausgabe von Daten, etwa an die Polizei, werden nach hiesigem Recht geregelt. Behörden aus anderen Ländern müssen ein Amtshilfe-Ersuchen an die deutschen Behörden richten, um Dateneinsicht zu erlangen. Dies dürfte in der Regel ein hoffnungsloses Unterfangen sein.

Unternehmenssitz in Deutschland, Rechenzentrum in UK

Liegt der Unternehmenssitz in Deutschland, aber das Rechenzentrum in UK, also künftig außerhalb der EU, gilt trotzdem das Bundesdatenschutzgesetz. Der Anbieter darf aber allerdings keine Niederlassung in UK besitzen. Sonst gilt britisches Recht!

Unternehmenssitz und Rechenzentrum in UK

Hier ist Rechtslage klar. Deutsche und europäische Datenschutzstandards gelten in England künftig nicht mehr – mit allen Folgen für Unternehmenskunden von UK-Providern.

Unternehmenssitz in UK, Rechenzentrum in Deutschland

Ein Cloud-Anbieter aus UK mit Server-Standort in Deutschland kann selbstverständlich Leistungen nach deutschem Recht anbieten – bis der Geheimdienst Ihrer Majestät zweimal klingelt. Hier ist Vorsicht geboten, weil natürlich UK-Anbieter mit Rechenzentren auf deutschem Boden nach wie vor Daten an die britischen Behörden herausgeben müssen.

Daran ändert auch das Nachfolge-Abkommen zu Safe Harbour, Privacy Shield, nichts. Die massive Datensammlung ist nach wie vor nicht unterbunden. Dateneigentümer erhalten jedoch bessere Klage-Möglichkeiten – im Nachgang. Darüber hinaus ist das Scheitern des gesamten Abkommen bei einer künftigen Muster-Klage vor dem europäischen Gerichtshof nicht unwahrscheinlich.

Mehr IT-Arbeitsplätze in Deutschland möglich

Bis heute war Großbritannien quasi als Brückenkopf in die EU gesetzt, wenn es bei außereuropäischen IT-Anbietern um eine Internationalisierungs-Strategie ging. Dies dürfte sich nach dem britischen Exodus ändern. Damit rückt Deutschland als größter verbliebender IT-Markt in der EU in der Beliebtheitsskala nach oben: Was sicher den Service internationaler Anbieter in Deutschland verbessern und auch den einen oder anderen Arbeitsplatz schaffen wird.

Berlin rückt als Start-up-Metropole auf

Beim Rennen um die beliebteste Metropole für innovative Start-ups wird Berlin seine Platzierung vermutlich verbessern können (Beiträge Handelsblatt, ZEIT und Gründerszene). London dagegen wird nach dem Brexit auf absehbare Zeit Attraktivität für die innovativen Brutstätten der digitalen Wirtschaft einbüßen.

Braindrain in Richtung Kontinent?

Darüber hinaus profitierten Tech-Firmen auf der Insel bisher massiv von qualifizierten EU-Mitarbeitern. Das könnte sich ändern (HandelsblattFinancial Times und Jobspotting), da die britische Regierung auf eine rigorose Immigranten-Kontrolle setzen will. Auch für Unternehmen im Umfeld IoT und Industrie 4.0 mit Schwerpunkt “embedded Systems“ könnten sich die Rahmenbedingungen eintrüben, da der wichtigen Chip-Hersteller ARM seinen Sitz auf der Insel hat.

UK als Absatzmarkt für ITK-Lösungen und Dienstleistungen

Hier droht tatsächlich Ungemach. Großbritannien ist hinter Frankreich der zweitgrößte Abnehmer deutscher ITK-Dienste und Lösungen. Wirtschaftlicher Abschwung, fehlende Freizügigkeit im Warenaustausch und eine schwindende geographische Bedeutung infolge des Brexits könnten dies ändern: In der Vergangenheit ließ die Rolle Britanniens als Brückenkopf für internationale Konzerne nach Europa die Nachfrage nach Investitionsgütern aus IT und Industrie sprudeln. Das wird sich ändern (Süddeutsche, ZEIT hier und hier).

Doch was werden etwa die asiatischen Automobilhersteller tun, von denen nicht wenige die Insel als Auto-Fabrik für den europäischen Markt nutzten? Werden sie ihre Produktionsstandorte nach dem Brexit verlagern? Wohin? Wie wirkt sich ihre künftige Strategie auf die ITK-Investitionen aus?

Wie werden sie die gesamtwirtschaftliche Entwicklung beeinflussen und damit auch den Wechselkurs des britischen Pfunds? Der Einbruch des Pfunds im Vergleich zum Euro unmittelbar nach dem Referendum mag in dieser Ausprägung sicher nicht lange anhalten. Aber der Wechselkurs wird sicher in den nächsten Monaten, wenn nicht Jahren, volatil bleiben und sich je nach wirtschaftlicher Entwicklung weiter verschlechtern. Keine gute Basis für Umsatzplanungen und Margen.

Autoren

Wolfgang Schwab, Manager Advisor Experton Group

Wolfgang Schwab, Manager Advisor Experton Group

Heiko Henkes, Director Advisor Experton Group

Heiko Henkes, Director Advisor Experton Group

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