Zwischenruf im Echoraum: Im System gefangen!?
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Zwischenruf im Echoraum: Im System gefangen!?

Wer den organisatorischen Wandel gestalten will, sollte sich mit der Systemtheorie auseinandersetzen. Sie hilft, Kommunikationsmuster von Organisationen zu erkennen und mit naiven Vorstellungen zur Wandlungsfähigkeit von Unternehmen aufzuräumen.

An dieser Stelle kommentiert Dr. Andreas Stiehler, der als freiberuflicher Analyst, Kolumnist und Berater u.a. für PAC tätig ist, regelmäßig Web-Beiträge exklusiv für die Leser von Digitales-Wirtschaftswunder.de. Heute im Fokus: „Systemtheorie: Wieso sie für moderne Unternehmensführung unverzichtbar ist“, ein Beitrag von Mark Poppenborg.

Die Wirtschaftstheorie kommt in der VUCA-Welt an ihre Grenzen

Eigentlich könnte alles so einfach sein: Eine Organisation besteht aus Menschen, die bestimmte, ihnen zugeordnete Aufgaben innerhalb der Wertschöpfung entsprechend vordefinierten Prozessen übernehmen. So oder so ähnlich funktionierten viele Unternehmen noch vor 100 Jahren – als es noch Verkäufermärkte gab und Prozess-Engineering die Paradedisziplin darstellte. Aber heute?!

Die Wirtschaftstheorie griff das Bild einer solch normierten Organisation zunächst gerne auf – war sie doch damit in der Lage, das Handeln von Unternehmen mit mathematisch fundierten Modellen abzubilden. Viele meiner Professoren erklärten uns Studenten stolz, dass die Volks- und Betriebswirtschaftslehre so Anschluss an das naturwissenschaftliche Arbeiten gefunden hätten. Und mit einiger Arroganz blickten sie auf die Soziologie und andere Sozialwissenschaften herab, die von dieser Entwicklung meilenweit entfernt schienen.

Es wäre nun an der Zeit für sie, Abbitte zu leisten. Denn naturwissenschaftliches Arbeiten hin oder her: Der Werkzeugkasten, den die Volks- und Betriebswirtschaftslehre Millionen Studienabgängern mit auf den Weg gab, erweist sich heute zumeist als nutzlos. Die Anpassung an neue Marktsituationen ist eben nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Die Unternehmenslenker kommen mit der Justierung normierter Abläufe nicht mehr hinterher. Lineare Planungs- und Steuerungsprozesse sind eben viel zu langsam, um mit der Dynamik der digitalen Wirtschaftswelt mitzuhalten.  Und mit jedem gescheiterten „Change-Projekt“ steigt die Verunsicherung. Willkommen in der VUCA-Welt!

Die Systemtheorie gewinnt an Bedeutung

Doch mit welchen Annahmen oder Überzeugungen lassen sich Unternehmen erfolgreich durch unsichere Gewässer manövrieren? An neuen Schlagwörtern und Heilsversprechen mangelt es jedenfalls nicht. Echte oder vermeintliche Propheten der neuen Zeit fordern eine „Demokratisierung der Unternehmen“, eine „Humanisierung der Arbeitswelt“ bis hin zum flächendeckenden Einsatz agiler Methoden. Klar scheint: Wir benötigen neue Annahmen über die Art und Weise, wie Unternehmen funktionieren! Aber welche?

Im Rahmen dieser Kolumne setze ich mich nun schon mehrere Monate intensiv mit neuen Konzepten für die Arbeitswelt auseinander – immer auf der Suche nach Modellen, welche die Wirklichkeit besser widerspiegeln als mein eigenes wirtschaftstheoretisches Grundgerüst. Dabei fiel mir auf: Immer mehr der von mir geschätzten „Zwischenrufer im Echoraum“ – darunter u.a. Niels Pfläging oder Stefan Kühl – verweisen in ihren Arbeiten (implizit oder explizit) auf die „Neue Systemtheorie“ von Niklas Luhmann. Wer sich mit dem organisatorischen Wandel von Unternehmen befasst, so scheint mir heute, kommt an diesem Modell nicht vorbei.

So ganz neu ist die „Neue Systemtheorie“ freilich nicht. Die Hauptwerke Luhmanns dazu entstanden in den 1980er und 90er Jahren und das Internet ist voll von Beiträgen zu diesem Thema. Dennoch fällt der Zugang zum Werk Luhmanns schon allein wegen des ungewohnten Vokabulars schwer. Erschwerend kommt hinzu, dass Systemtheorie immer wieder auf sich selbst referenziert: Um einen Teil zu verstehen, sollte man den anderen schon verstanden haben (und umgekehrt).

Im System spielt der Mensch nur eine (Neben-)Rolle

Vor diesem Hintergrund danke ich Mark Poppenborg , der in einem sehr kompakten, klaren und anschaulichen Text auch für Nicht-Soziologen darstellt, was dieses Modell auszeichnet und bewirken kann.

Die Systemtheorie – so lernte ich aus der Lektüre – wirft einen anderen Blick auf die Unternehmensorganisation. Ein Unternehmen wird hier als soziales System betrachtet, das ein Eigenleben führt und – jetzt bitte festhalten! – in dem der Mensch (an sich) keine maßgebliche Rolle spielt. Die Menschen werden zwar für das Funktionieren des Systems benötigt, füllen in dem Modell aber nur Rollen aus, deren Bewegungs- oder Entscheidungsspielraum von den jeweiligen Systemen vorgegeben wird.

Mark Poppenborg nutzt hierfür das Bild des Schachspiels, bei dem wir Menschen ebenfalls in eine Rolle – in die des Turms oder der Dame – schlüpfen, um dann im Rahmen der vom System (hier das Schachspiel) vorgegebenen Regeln zu agieren. Bricht der Mensch aus dem (für seine Rolle) vorgegebenen Rahmen aus, dann wehrt sich das System – bis hin zum Ausschluss. Kommt Ihnen dies bekannt vor? Mir schon. Und wenn nicht, dann missachten Sie einmal grundlegende Konventionen in Ihrem Team, Ihrer Familie oder Ihrem Gartenverein – und lassen Sie dann das Immunsystem einer Organisation auf sich wirken.

Aber wie werden die expliziten oder impliziten Regeln in sozialen Systemen definiert oder festgeschrieben? Über eine Kultur, die – jetzt bitte noch einmal festhalten – von der Vergangenheit bestimmt ist. So beschreibt die Systemtheorie das Eigenleben von Organisationen als fortlaufend selbstgenerierte und logisch aufeinanderfolgende Kommunikationsereignisse. Kommt die Kommunikation zum Stillstand, stirbt das System. Um ihr Überleben zu sichern, fokussiert sich die Organisation letztlich auf die Kommunikationsereignisse, welche in der Vergangenheit zum Erfolg führten. Alle anderen, die nicht erfolgreich waren, werden nach und nach aussortiert bzw. unterdrückt.

Bei der Herausbildung der Organisationskultur werden also Verhaltensgrundsätze kodifiziert und festgeschrieben, die sich als probate Lösungssituationen auf Bedrohungen in der Vergangenheit erwiesen haben. Dieser Prozess ist freilich den einzelnen Mitgliedern nicht bewusst. Die typische Antwortet, wenn man den Sinn bestimmter Konventionen hinterfragt, lautet oft: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Die aus der Vergangenheit gespeiste Kultur erschwert es damit, eingetretene Pfade zu verlassen, auch wenn eine neue Situation dies erfordern würde – eine wunderbare Erklärung für das sprichwörtliche „Beharrungsvermögen“ von Organisationen.

Eine Perspektive, um Problemen auf den Grund zu gehen

Was folgt daraus? Erst einmal nichts. Die Systemtheorie beschreibt nur das Wesen von Organisationen – sie will nichts. Betrachten wir aber Probleme aus dieser Perspektive, ergeben sich neue Einsichten. So lenkt die Systemtheorie den Blick weg von Menschen als potenzielle Verursacher von Unternehmenserfolg oder Scheitern – hin zur Analyse von Interaktionsmustern, die wiederum in der Kultur ablesbar sind. Aus systemtheoretischer Sicht erscheint es beispielsweise wenig sinnvoll, Menschen zu belehren oder für ihr Fehlverhalten zu bestrafen. Besser wäre es, nach Mustern zu suchen, die solch ein „Fehlverhalten“ fördern.

Die Systemtheorie lenkt den Blick zudem auf den Schattenbereich der Unternehmen, in dem die Mitarbeiter entgegen der (offiziellen) Normen handeln, um das System am Leben zu erhalten. Einen Indikator für das Ausmaß dieser „brauchbaren Illegalität“ liefern die Ergebnisse der Hays-Wissensarbeiter-Studie. Eine sinnvolle Arbeit am System besteht folglich darin, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die für die Systemerhaltung notwendige Illegalität in die Legalität überführt wird.

Ein Beitrag zur Entnaivisierung

Nicht zuletzt führt die Systemtheorie weg von einigen naiven, romantischen bis hin zu übergriffigen Vorstellungen, die heute von vielen Agilitäts- oder New-Work-Evangelisten propagiert werden. Führungskräfte, die nicht von heute auf morgen agile Methoden einsetzen, New-Work-Konzepte mit aller Konsequenz vorantreiben oder auf partizipative Führungsstile umschwenken, sind eben nicht per se rückwärtsgewandt oder machtgierig. Sie agieren vielmehr innerhalb des Rahmens, den ihnen die Kultur vorgibt.

Die Kultur aber lässt sich, aller Leitkultur- und Wertediskussionen zum Trotz, von uns Menschen nicht modellbauartig gestalten. Die Idee des Kulturmanagements – also der Veränderung eines komplexen Systems mittels linearer Management-Methoden – erscheint aus Perspektive der Systemtheorie geradezu paradox.

Auch ich bin nicht frei von der einen oder anderen naiven Überzeugung – gerade im Hinblick auf die Humanisierung der Arbeitswelt. Umso dankbarer bin ich Mark Poppenborg, dass er seine Argumente zur „Entnaivisierung“ nicht arrogant und polemisch, sondern in einem einfühlsamen und sympathischen Ton vorträgt. Dies liegt sicher auch daran, dass er – wie er in diesem hörenswerten Interview zu „Systemtheorie trifft Hamsterrad“ einräumt – selbst über viele Jahre im Rahmen des gemeinsam mit Lars Vollmer gegründeten Netzwerkes intrinsify versuchte, Unternehmen mit naiven Vorstellungen zu bekehren. Über den Schwenk hin zur Entnaivisierung dieses Netzwerkes berichtet er in diesem Vortrag.

Dankbar bin ich Mark Poppenborg schließlich auch dafür, dass er es nicht bei der Kritik an naiven Annahmen belässt, nur um im Anschluss auf sein neuestes Buch oder die Kompetenz seines Beratungsunternehmens hinzuweisen. Stattdessen zeigt er in seinen Beiträgen auch auf, wo die Verantwortlichen ansetzen können, um aus systemischer Sicht Veränderungen zu bewirken. So diskutiert er beispielsweise in diesem Artikel, warum das herkömmliche „Change Management“ nicht funktionieren kann – um im daran anschließenden Beitrag verschiedene Möglichkeiten zu benennen, wie sich Systeme wirksam irritieren lassen.

Ein hilfreiches Werkzeug, denn wir sind im System „gefangen“

Kurzum: Die Systemtheorie ist ein effektives Werkzeug, um Interaktionsmuster in Organisationen zu analysieren und bewusst (durch Irritationen) auf diese einzuwirken. Sie hilft auch dabei, aktuelle Managementmoden und eigene Überzeugungen kritisch auf ihre Wirksamkeit hin zu hinterfragen. Vor diesem Hintergrund empfehle ich jedem Unternehmenslenker, sich mit diesem Thema zu befassen. Die Beiträge von Mark Poppenborg bieten hierfür einen leicht verständlichen und praxisnahen Einstieg.

Ist nun die Systemtheorie der Weisheit letzter Schluss? Natürlich nicht! Selbst die von mir so gescholtene Wirtschaftstheorie gibt viele relevante Antworten auf spezifische Fragen. So lernen die Studenten der Wirtschaftswissenschaften schon im Grundstudium, dass in vielen Situationen individuelle Rationalität zu kollektiver Irrationalität führt – Stichwort „Gefangenendilemma“. In Organisationen aber – und dies wird häufig unterschlagen – ist das Gefangenendilemma allgegenwärtig. Vor diesem Hintergrund lädt die Wirtschaftstheorie regelrecht dazu ein, Probleme stärker aus einer systemischen Perspektive zu betrachten.

Mehr noch: Die Abstraktion von den agierenden Menschen mag für die Analyse von Interaktionsmustern im Sinne der Systemtheorie sinnvoll sein. Die kreativsten Interventionen werden aber verpuffen, wenn im System keine Resonanz erzeugt, also auf Umweltreize nicht oder nur schwach reagiert wird. Resonanz wiederum setzt eine hohe Beziehungsqualität auf allen Ebenen der Interaktion voraus. Um ein System in Schwingung zu versetzen, halte ich deshalb eine Auseinandersetzung mit der Resonanzfähigkeit von Organisationen für ebenso wichtig. Die Resonanztheorie des Soziologen Hartmut Rosa bildet aus meiner Sicht eine wichtige Erweiterung der Systemtheorie Lohmanns.

Und klar ist schließlich auch: Wirtschafts-, System- oder Resonanztheorie liefern (nur) Denkansätze, denen Annahmen zu Grunde liegen, die sich im konkreten Anwendungsfall oder im Laufe der Zeit als obsolet erweisen können. Vor diesem Hintergrund ist beim Umgang mit solchen Theorien immer auch eine Prise Demut angezeigt. Wer umgekehrt Ableitungen aus diesen Theorien als der Weisheit letzter Schluss verkauft oder gar garantierte Erfolge in Aussicht stellt, der handelt grob fahrlässig und sollte sich nicht Berater nennen.

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