Zwischenruf im Echoraum! Was Du wirklich, wirklich willst…
Bild: Andreas Stiehler Posted on von Analysten | Management | Mobile Enterprise

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Zwischenruf im Echoraum! Was Du wirklich, wirklich willst…

Der Auftritt von Frithjof Bergmann, Philosph und Begründer der New Work-Bewegung, auf der Xing New Work Experience 2017 wurde mit stehenden Ovationen bedacht. Sein Bericht über die Anfänge der New-Work-Bewegung traf den Nerv der heutigen Zeit.

An dieser Stelle empfehlen und kommentieren Analysten von PAC regelmäßig Web-Beiträge exklusiv für die Leser von Digitales-Wirtschaftswunder.de. Heute im Fokus: „Gehst Du einer Arbeit nach, die Du wirklich, wirklich willst?“, ein Interview mit Prof. Frithjof Bergmann.

Xing NWX 2017 – New Work aus dem Hochglanzkatalog

Mein Fazit zur Xing New Work Experience 2017 war eigentlich schon gezogen. Und es fiel sicher nüchterner aus, als das des Veranstalters, der sich über den perfekten Ablauf einer mit knapp 1000 Teilnehmen vollständig ausgebuchten Veranstaltung freuen konnte.

Es war eine Konferenz gleich dem Durchblättern eines Hochglanzkatalogs – die ganze New-Work-Prominenz vertreten, stylisches Desing und allseits gute Laune. Wer nach einem großen Echoraum suchte und New Work-Klisches erleben wollte, war hier genau richtig.

Ganz sicher waren auch spannende Vorträge und Workshops dabei.  Doch der Versuch, im Programm die ganze New-Work-Themenbreite abzubilden, führte dazu, dass oft nur an der Oberfläche gekratzt wurde. Dagegen blieb wenig Zeit für tiefergehende und kontroverse Diskussionen, die über das ohnehin schon Bekannte hinausreichen.

Vielleicht bedarf es solcher Veranstaltungen, um die noch junge New Work-Bewegung zu stärken. Vielleicht bewirken solche Veranstaltungen aber auch das Gegenteil.

Die neue Arbeit ist die, die Menschen wirklich, wirklich wollen

Doch dann – kurz vor Ende des offiziellen Programms und dem Start der „Business Punk After Work Party“  – zog der 87-jährige Frithjof Bergmann mit einem denkwürdigen Auftritt das ganze Publikum und auch mich in seinen Bann. Dabei tat er nichts anderes als etwas ausschweifend über die Anfänge der New Work-Bewegung zu berichten – damals in den 1970er’n, als in der Automobilindustrie aufgrund der Automatisierungswelle zahlreiche Jobs wegfielen.

Die Idee des Philosophieprofessors war und ist es, den von der Arbeitslosigkeit bedrohten bzw. betroffenen Menschen zunächst zu helfen, herauszufinden, „was sie wirklich, wirklich wollen“ – und sie so aus der „Armut der Begierde“ (im Hegel’schen Sinne) zu befreien. Die von ihm und seinen Mitstreitern geschaffenen „Zentren für neue Arbeit“ wollen die Menschen weiterhin darin unterstützen, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen. Den Schlüssel, um aus dem, „krank machenden“ Jobsystem auszubrechen und dennoch den Lebensunterhalt zu sichern, bieten aus seiner Sicht neue Technologien („Fabrikatoren“).

Ich bin mir nicht sicher, ob sich eine solche Vision in der ganzen Breite realisieren lässt. Aber den Ansatz, die Menschen darin zu bestärken, herauszufinden und umzusetzen, was sie wirklich, wirklich wollen, halte ich für immens wichtig und heute drängender denn je.

„Rollen spielen“ können die Bots besser als wir

Denn was uns Menschen von der künstlichen Intelligenz unterscheidet, ist unsere Emotionalität, Empathie und Leidenschaft. Anders als es Frank Schabel’s Blogbeitrag „Arbeit: Identität oder Rolle“ suggeriert, glaube ich nicht, dass es für die Masse der Menschen dauerhaft ausreichen wird, bei der Arbeit (nur) irgendeine Rolle zu spielen. Dies können die Bots über kurz oder lang besser als wir. Umgekehrt bauen die vielfach diskutierten agilen Methoden und Führungskonzepte auf selbstbestimmte Mitarbeiter, die intrinsisch motiviert sind, um gemeinsam mit anderen an der Umsetzung einer Vision zu arbeiten.

Freilich, aus Perspektive der Industriegesellschaft klingt das Konzept einer „Selbstverwirklichung in der Arbeit“ nach einem Luxus, den sich nur Wenige (digitale Eliten) leisten können. Vor diesem Hintergrund erscheint auch das Modell – 8 Stunden Arbeit überstehen (Rolle spielen), dann Freizeit „genießen“ – plausibel. Aber ist es tatsächlich so erstrebenswert, und wieviele Menschen werden zukünftig noch in klassischen Industrieorganisationen arbeiten können?

Digitalisierung als Grund zur Freude?!

Auch der zweite Teil von Frithjof Bergmanns Ansatz – die Nutzung neuer Technologien, um unseren Broterwerb in erfüllender, menschenwürdiger Art und Weise zu sichern – halte ich für diskutierenswert. Zumindest inspiriert er dazu, die Digitalisierung als Chance für die Menschen zu begreifen. Und dabei versprüht der 87-Jahre alte Philosoph mehr Leidenschaft als alle im Bundestag vertretenen Politiker zusammen.

Aber schauen Sie sich den Vortrag selbst an. Tatsächlich klebte das Publikum im Saal förmlich an seinen Lippen, drängte beim Veranstalter auf eine Ausweitung seines Vortrags weit über die geplanten 45 Minuten hinaus und spendete schließlich stehend Ovationen. Mehr noch: Als Reaktion auf die Begeisterung im Saal setze Xing noch eine offene Diskussionsrunde mit Frithjof Bergmann an. Diese fand schließlich am späten Abend statt, als die Party schon in vollem Gang war. Dennoch drängten sich mehr als 150 Personen in den kleinen Nebenraum.

Allein dieser Sog zeigt die immense Wirkung von Menschen wie Frithjof Bergmann – die einer Arbeit nachgehen, die sie wirklich, wirklich wollen.

Die nächste Xing New Work Experience findet im Frühjahr 2018 in der Hamburger Elbphilharmonie statt. In einem nachfolgenden Interview mit Xing sagte Frithjof Bergmann seine Teilnahme zu – vorausgesetzt, dass ihm dann ausreichend Zeit für die Diskussion einberaumt wird.

 Das sind schon zwei gewichtige Gründe, vielleicht doch wieder vorbeizuschauen.

Der Autor

Andreas Stiehler betreut in seiner Rolle als Principal Analyst Digital Enterprise Forschungsaktivitäten zu dem Thema „Digitale Transformation“, mit Fokus auf den Digital Workplace und verwandte Themen. Er ist verantwortlich für das Erstellen und Ausführen dedizierter Forschungs- und Beratungsprojekte in diesem Bereich. Zu seinen weiteren Aufgaben zählt die Weiterentwicklung der Content Marketing Services von PAC.

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