Zwischenruf im Echoraum! Wir haben Nobelpreis
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Zwischenruf im Echoraum! Wir haben Nobelpreis

Die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an den Verhaltensökonom Richard Thaler ist eine gute Nachricht. Denn bei der Lenkung von Unternehmen sind nicht nur Ressourcenoptimierer und Prozessingenieure, sondern auch Psychologen gefragt.

An dieser Stelle empfehlen und kommentieren Analysten von PAC regelmäßig Web-Beiträge exklusiv für die Leser von Digitales-Wirtschaftswunder.de. Heute im Fokus: die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an den US-Ökonom Richard H. Thaler, über die in zahlreichen Medien berichtet wurde, unter anderem in der Online-Ausgabe des Managermagazins.

Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises ist auch für Praktiker relevant

Die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an den US-Ökonom Richard H. Thaler ist mehr als eine Randnotiz – und dies nicht nur für akademische Kreise, sondern auch für die Unternehmenspraktiker, die sich mit den Herausforderungen des digitalen Wandels beschäftigen.

Denn mit dieser Auszeichnung wird neben der individuellen Leistung des Forschers auch dessen Forschungsfach geehrt. Im Falle von Richard H. Thaler ist dies die Verhaltensökonomie (Behavioural Economics), die versucht, eine Brücke zwischen klassischer Wirtschaftstheorie und Psychologie zu schlagen.

Der „Homo Economicus“ dominierte lange Forschung und Lehre

Tatsächlich spielten verhaltensökonomische Erkenntnisse in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und Lehre lange Zeit keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle. Stattdessen dominierte das Leitbild des „Homo Economicus“, also des rationalen, durchweg eigennützigen und emotionsfreien Individuums. Psychologische Effekte galten als vernachlässigbar und die Kräfte des Marktes als Ultima Ratio.

Der „Homo Economicus“ lieferte den Grundbaustein dafür, dass sich die Wirtschaftswissenschaften immer mehr von einer Sozial- zu einer Ingenieurswissenschaft wandelten. Die Axiome rationalen Entscheidens versetzten die Wirtschaftstheoretiker schließlich in die Lage, wirtschaftliches Handeln in mechanischen Entscheidungsmodellen abzubilden. Auf Basis der so entwickelten Spieltheorie ließen sich wiederum theoretisch „fundierte“ Schlussfolgerungen für eine Optimierung von Wirtschaftssystemen treffen.

Der „Homo Economicus“ gilt als rein rationales, durchweg eigennütziges und emotionsfreies Individuum.

Tatsächlich ist die Spieltheorie bei der Entscheidungsfindung in Verhandlungssituationen oder bei der Abwägung von wirtschaftspolitischen Maßnahmen bis heute von großem Nutzen. Sie hilft dabei, Risiken und Dilemmata in der Interaktion mit anderen Akteuren zu erkennen (Bekannte Beispiele sind u.a. das Chicken Game oder das Gefangenendilemma). Riskant und regelrecht irrational ist es jedoch, wenn die Ergebnisse spieltheoretischer Analysen als Glaubenssätze verinnerlicht werden – ohne die Gültigkeit der zugrundeliegenden Axiome zu hinterfragen bzw. andere Deutungsversuche zuzulassen.

Wirtschaftswissenschaft als Echoraum – trotz Zwischenrufern

Doch genau das ist in den letzten Jahrzehnten passiert. Die Wirtschaftswissenschaften entwickelten sich zu einem großen Echoraum, in dem der „Homo Economicus“ nahezu alle Diskussionen dominierte. Und es ist schon fast grotesk, dass ausgerechnet Reinhard Selten – Deutschlands einziger Wirtschaftsnobelpreisträger, der für seine frühen spieltheoretischen Arbeiten geehrt wurde – in seinen späteren Forschungsjahren zum Zwischenrufer im Echoraum wurde und wesentlich dazu beitrug, den naiven Glauben an den „Homo Economicus“ zum Einsturz zu bringen.

So gehörte Reinhard Selten zu den Pionieren der experimentellen Wirtschaftsforschung – einer Disziplin, die sich zur Aufgabe gestellt hat, die Gültigkeit von wirtschaftstheoretischen Schlussfolgerungen bzw. die Relevanz psychologischer Aspekte im wirtschaftlichen Kontext unter kontrollierten Bedingungen zu überprüfen und so auch die Grundlagen für die Entwicklung der Verhaltensökonomie zu liefern.

Ich selbst konnte mich während meiner Promotion um die Jahrtausendwende in diesem Feld betätigen – in einer Zeit, in der der Psychologe und Bestsellerautor  Daniel Kahnemann („Schnelles Denken, Langsames Denken“) für seine Arbeiten an der „Prospect Theorie“, die sich ebenfalls mit irrationalen Entscheidungen im wirtschaftlichen Kontext befasst, bereits mit dem Nobelpreis geehrt wurde. Während die Sozialpsychologen damals feierten, übten sich die Wirtschaftstheoretiker in Zurückhaltung.

Ultimatumsspiel oder „Was nicht sein darf, das nicht sein kann“

Denn wie in Echoräumen üblich, wurden auch hier der Zwischenrufer so lange es irgend geht ignoriert – selbst wenn die Einwände auf der Hand lagen. Ein schönes Beispiel hierfür ist das bekannte Ultimatumsspiel, das von meinem Doktorvater Werner Güth bereits 1982 entwickelt wurde. Anschauliche Erläuterungen zu diesem Spiel und den hierzu durchgeführten Experimenten finden Sie hier oder hier.

Sie dürfen es gerne einmal selbst ausprobieren, die Regeln sind ganz einfach: Zwei Spieler A und B können einen Betrag, z.B. 100 Euro, unter sich aufteilen. Spieler A darf einen Aufteilungsvorschlag machen, Spieler B darf den Vorschlag annehmen oder ablehnen. Bei Annahme wird der Betrag wie von A vorgeschlagen aufgeteilt, bei Ablehnung gehen beide Spieler leer aus.

Die Spieltheorie würde für diesen Fall voraussagen, dass A nahezu den gesamten Beitrag für sich beansprucht und B jedes Angebot, dass ihm mehr als 0 Euro lässt, annimmt. Im realen Leben freilich werden die Beiträge in der Regel 60:40 oder sogar 50:50 aufgeteilt – und Aufteilungsvorschläge von weniger als 30 Prozent überwiegend abgelehnt.

Jeder vernünftig denkende Mensch würde eine solche „faire Aufteilung“ erwarten – nicht aber die orthodoxen Ökonomen. Und u.a. weil Letztere immer wieder Zweifel anmeldeten, wurde das Spiel über Jahre hinweg unzählige Male in verschiedenen Varianten wiederholt. Das Resultat erwies sich – zumindest in hochentwickelten Gesellschaften, die der Zusammenarbeit bedürfen und hierzu Fairness-Normen ausbildeten – als stabil – siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ultimatumspiel.

Entgegen der Annahmen von orthodoxen Ökonomen wird im realen Leben am häufigsten nach den Normen der Fairness entschieden.

Bild vom „Homo Economicus“ auch in der Wirtschaft lange präsent

Wer nun die Engstirnigkeit orthodoxer Ökonomen belächelt oder als rein akademischen Irrsinn abtut, sollte zunächst die eigenen Glaubenssätze bzw. die eigene Organisation kritisch hinterfragen. Denn der Glauben an den „Homo Economics“ bzw. an die Vernachlässigbarkeit psychologischer Aspekte beeinflusste über Jahre hinweg auch die Steuerung der Unternehmen und tut es immer noch. Immerhin wurden in den letzten Jahrzehnten hunderttausende Manager in diesem Glauben geschult.

Und tatsächlich passten die tradierten Modelle der Wirtschaftstheoretiker lange Zeit sehr gut zur Lebenswirklichkeit der klassischen Industriegesellschaft. Die Masse der Mitarbeiter galt hier schließlich als leicht austauschbare Human-Ressource, die sich von einer HR-Abteilung effizient verwalten lässt. Die Manager und Berater betätigten sich derweil als Ressourcenoptimierer und Prozessingenieure – also in Rollen, für die sie in den hiesigen Wirtschaftsfakultäten gut ausgebildet wurden.

Wissensarbeit und digitaler Wandel erfordern ein Umdenken

Erst mit dem steigenden Anteil der Wissensarbeit ist auch das Interesse am „Faktor Mensch“ in der Wirtschaft gewachsen. Denn der Erfolg der Unternehmen hängt nun immer mehr von der Performance einzelner Mitarbeiter – den heiß begehrten kreativen Köpfen – ab, die komplexe Problemstellungen lösen müssen, ohne sich dabei auf vordefinierte Prozesse stützen zu können.

Und ähnlich wie die Ergebnisse des Ultimatumsspiels (und weiterer Experimente) in der Wirtschaftstheorie, setzten die Auswirkungen des digitalen Wandels in der Realwirtschaft ein allgemeines Umdenken in Gang. Digitale Disruptoren wie Google oder AirBnB setzten eben nicht nur neue Maßstäbe in Sachen Kundenbegeisterung, sondern hoben auch das Thema „Employee Experience“ ganz nach oben auf die Agenda– und dies offensichtlich mit Erfolg.

So ist das Silicon Valley heute nicht nur Brutstätte für digitale Innovationen, sondern auch ein Zentrum für verhaltensökonomische Real-Life-Experimente. Über einige der Maßnahmen, wie etwa den Sinn oder Unsinn von Feelgood Managern, Kickertischen oder Frischobstschalen, kann man sicher streiten.

Unbestreitbar ist jedoch, dass sich der digitale Wandel ohne einen Wandel in den Köpfen nicht erfolgreich vollziehen lässt. Wer Kunden begeistern will, braucht motivierte Mitarbeiter – und dies nicht nur im Vertrieb, sondern auch in Service, Produktion und Produktentwicklung. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber von alteingesessenen Managern und ihren Beratern lange ignoriert wurde und häufig immer noch ignoriert wird (siehe orthodoxe Ökonomen).

So beschränkt sich beispielsweise die Mitarbeiterführung in den Unternehmen hierzulande noch allzuoft auf die Justierung von monetären Anreizsystemen. Abgesehen von den Steuerungsrisiken, die einer solchen KPI-Steuerung in dem zunehmend agilen und komplexen Umfeld innewohnen, werden andere Leadership-Instrumente damit oft außer Acht gelassen. Der Glaube an den „Homo Economicus“,  der nur Geld will und weder Vision noch Resonanz braucht, ist immer noch präsent.

Nur mit motivierten Mitarbeitern kann der digitale Wandel im Unternehmen langfristig gelingen.

Nobelpreisvergabe 2017 – ein „Stups“ in die richtige Richtung

Zurück zum Nobelpreis für Richard H. Thaler: Es bleibt zu hoffen, dass mit dieser Auszeichnung die Arbeit an der Verhaltensökonomie noch intensiviert und gesicherte Erkenntnisse daraus Eingang in die Lehre finden. Noch besser wäre es, wenn in diesem Zuge eine neue Manager-Generation heranwächst, die sowohl mit wirtschaftstheoretischem als auch psychologischem Grundwissen ausgestattet ist.

Bis dahin können die Unternehmen allerdings nicht warten. Um kreative Köpfe zu gewinnen, an das Unternehmen zu binden und zu motivieren, kommen sie nicht umhin, neue Formen der Unternehmensführung auszutesten und ihr Bewusstsein für die Psychologie des Wandels zu schärfen. Vor diesem Hintergrund ist gut, dass sich die Diskussion um „New Work“ während der letzten Jahre versachlicht hat und Netzwerke zum Austausch über moderne Unternehmensführung wie intrinsify.me an Bedeutung gewinnen.

Richard C. Thaler wurde übrigens für seine Arbeiten zum “Nadging”, also zum Anstupsen einer (gewünschten) Verhaltensänderung ausgezeichnet. Vielleicht wird die Vergabe des Nobelpreises einmal rückwirkend als Anstupser für die Wirtschaft in eine vernünftige Richtung bewertet.

 

Der Autor

Andreas StiehlerAndreas Stiehler betreut in seiner Rolle als Principal Analyst Digital Enterprise Forschungsaktivitäten zu dem Thema „Digitale Transformation“, mit Fokus auf den Digital Workplace und verwandte Themen. Er ist verantwortlich für das Erstellen und Ausführen dedizierter Forschungs- und Beratungsprojekte in diesem Bereich. Zu seinen weiteren Aufgaben zählt die Weiterentwicklung der Content Marketing Services von PAC.

 

 

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